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Neue Musik

Fred Frith

 

   
Der Gral der Rockverächter

Vergeßt den Dreck mit dem May Day. Und spuckt auf diesen hype mit der Love Parade! Wenn es ein unübersehbares Fanal als alljährlichen Auftakt für den Sommer der Liebe geben sollte, es ist dieses Moers- Ding.

Ein andauerndes remake, daß sich seit eins, zwei, drei, ja seit x Hipstergenerationen selbst erneuert, also eine ziemlich wirre Geschichte das. Die begann vor mehr als 30 Jahren in einem dunklen Keller an einer historischen Spielstätte in der Moerser Innenstadt. In einem Schankbetrieb namens Röhre, den alle Niederrheiner, außer dem Hans-Dieter Hüsch, "der dummen Sau vom Niederrhein," (Henscheid) seit ihrem Vorhandensein fürchten wie der Teufel. Weil es der einzige Laden ist, von dem sie andauernd so verruchte Gerüchte hören. Dort sitzt also wieder mal dieser Burkhard Hennen.

Der Mann hütet sein Alter so streng wie Angaben über seine Vermögensverhältnisse und gilt als der einzige Moerser, aus dem nix geworden ist. Höchstens lebenslänglich künstlerischer Leiter des Moers Festivals. In dieser Eigenschaft päsentiert Hennen jetzt die pfingstwochenendliche Auftrittliste mit vielen klassischen Namen. Etwa den Gittarero Fred Frith, der heuer in Moers seinen Eintritt in das sechste Lebensjahrzehnt feiern wird. Und zwar völlig unbescheiden mit sechs Auftritten in gleich drei Combos. Damit wird der New Yorker sein hier schon vor 15 Jahren angerichtetes wohl Massacre übertreffen. Wie damals schon ist an diesem Schlachtfest Sonntag abends Bassist Bill Laswell mit dabei. Der Produzent des volkstümlichen Drummers Herbie Hancock spielt außerdem zu Ehren von Fred Frith's Geburtstag auf einer der vormittäglichen Projektsessions.

Dort wird auch Mars Williams sein Holzblasinstrument zum Krakeelen bringen. Der Weltenwandler zwischen Rock'n Roll und Free Jazz gibt auch, angedickt mit Salsa sowie Hiphop, im Festivalzelt seine Tanzmusik mit Liquid Soul zum Besten. So wie zuletzt zwei Jahren. Man darf diesen Dauergaststatus nicht gering schätzen, die Künstler können sogar älter sein als der Impresario und trotzdem durchaus wegweisend in ihrem Beritt. Und Kunst kommt immer noch von können, weiß der Niederrheiner. Am Anfang, als das Moers-Ding noch New Jazz Festival hieß, da feierte das Publikum frenetisch eine Könnercombo namens Yosuke Yamashita Trio, aus Japan natürlich. Michael Rüsenberg, der in betweener von früher, der sich als einziger bis jetzt seinen Vollbart bewahrte, pries die schlitzäugigen Anarchos damals nach den Regeln der Kunst: "Was für unkundige Ohren Chaos sein mag, ist im Gegenteil ekstatische Musik, hervorgebracht durch harte Diziplin und traumhaft sichere und souveräne Beherrschung der Instrument".

Tatsächlich hatten die Jungs Takt eins, tagaus ein tägliches Übungspensum von acht Stunden. Und die Freaks in Moers, sie feiern das. "Vier Tage angefüllt mit Lärm und Krach, mit Tonnen von Unrat, mit versengten Rasenflächen, Hunderte von Pflanzen zertrampelt - die jugendlichen Festivalbesucher nahmen auf nichts Rücksicht", vermeldete die Moerser Woche schon 1977. Ein Jahr später wurde gar ein Holzzaun, Begrenzung der Open-Air-Spielstätte, abgefackelt. "Weil die Stadt versucht hat, alles in geordnete Bahnen zu lenken", erinnert sich Impresario Hennen schadenfroh. Seit eh und je hält sich das Durchschnittsalter der Besucher etwa bei 25. Richtig gesichtsalt ist mittlerweile nur die Jazzfraktion des mitveranstaltenden Westdeutschen Rundfunks. Deswegen haben sich die Verantwortungsträger mit Fassonfrisuren, Spitzbärten und Sonnenbrillen getarnt.

1982 aber wollten die sozialdemokratischen Dorfmusikanten wegen strittiger 36 500 DM das Festival killen. Weil im Vorjahr die Besucherzahlen zurückgegangen waren. Weil nackt im Freibad nebenan gebadet wurde. Weil auch jenseits der Myriaden von Jam sessions Tausende Camper im Park nächtelang auf den eigens von der Stadt aufgestellten Percussionsinstrumenten namens großer Stahlblech-Müllcontainer freie Rythmen improvisierten. Und weil deswegen die Bewohner des "Spießbürger-Städchens" (Hennen) wieder einmal rudelweise auf die Barrikaden gingen. Wie etwa Renate Tschirner vom Moerser Elternkreis, die sich aus noch triftigeren Gründen öffentlich für eine Selektion von Besuchern und Einwohnern einsetzte: "Lassen Sie Ihr Kind nicht im Freizeitpark zelten!", forderte die niederrheinische Mutter. "Denn daß auf dieser Veranstaltung erheblich dem Alkohol zugesprochen wird, ja sogar viele junge Menschen erstmals mit illegalen Drogen in Berühung kommen, ist eine Tatsache".

In Sachen Musikprogramm wurden die krakeelende Chaoten der Avantgarde mit ihrem Blechinstrumentarium in diesen Blütezeiten ergänzt durch Steckdosenpower, die die Vermittler einer neuen Kraft verstärkte. Da war also Diamanda Galas, die eher archaisch lautet, faucht, als daß sie singt, als Solostimme, nur mit ihren tapes. Oder Shannon Jackson mit seiner Decoding Society, der seine Gitarristen Vernon Reid und zwei Bassisten in die Hölle trommelt. Das läßt sich erklären: Denn diese Zeitenwende war der Anfang einer kleinen Endzeit, Punk brach sich Bahn. Und alles fiel zusammen: In kleinen New Yorker Clubs ergänzten die Avantgardisten vor kleinsten Zirkeln ihre Improvisationen mit Rock und Funk und Dröhn. Und als dann 1983 Rhys Chatham's Band, vier Gitarren und ein Schlagzeug, auf Melodie und Rythmus pfiffen, indem sie ausschließlich Lautstärke zur Musik erhoben, kam es zum riot im Gral der Rockverächter.

Im Betonbunker der Moerser Eissporthalle warf das Publikum, Flaschen, Eier und Schmähungen in Richtung Bühne. Die meisten verliessen das vibrierende Gebäude, hielten sich gegen die an der Schmerzgrenze liegenden Obertonschwingungen die Ohren zu. "Natürlich ist das kein Jazz", schrieb Günter Huesmann im Jazz Podium, "aber das ist mir egal, denn es besitzt Erlebnisqualität". So ging es über die Jahre voran: 1984 mit einem den Residents abgeguckten Konzept. Heiner Goebbels ließ sechzigmal Menschen oder Menschengruppen sich auf der Bühne akustisch oder sonstwie darstellen. Jeweils eine Minute lang: Dietrich Dietrichsen, die anarchistische Gummizelle, die tödliche Doris, der Plan, Lindsay Cooper, Majo Thompson, Gott und die Welt. Die DJ's mit den turntables brachten sich zu Gehör, Christian Marclay etwa.

Mit ihm und anderen machen jetzt Fred Frith, Arto Lindsay, David Moss und Tom Cora jedes Jahr Noise Music und deren Fortschreibung im Klangraum des Zirkuszeltes. Das geht hin bis zu den Einstürzenden Neubauten, die Pfingstsamstag 1990 spielten. Seit fünf Jahren knubbeln sich campierend um die 50 000 (!) Menschen auf dem vielfußballfeldgroßen Gelände des Freizeitpark. "Also mehr als Kamp-Lintfort und Neukirchen-Vlyn zusammen Einwohner haben", weiß der stolze Impresario. Selbst wenn man, wie das die meisten tun, auf die Live Musik im Zelt verzichten will - über die Hauptstraße der Zeltstadt wird man pro Tag nur einmal hin und her flanieren. Der kilometerlange Marsch vom Musikzelt bis hin zu Eissporthalle ist genau dann am Schönsten, wenn es am Sonntag abend in Richtung African Dance Night geht. Vorbei an tausend Ständen, Freiluft-Parties und mannigfaltig buntem Volk. Vorbei an jedwedem Musicgenre. Katzenmusik, Konservenmusik, spontan Prodziertes.

Ein bißchen viel Frieden vielleicht, dieses Woodstock für die Nachgeborenen. Vergeßt den May Day! Auf dem Moerser Mega-Rave sponsort der Sicherheitsdienst schon jahrelang die Hüpfburg und das Spielmobil. Vergeßt die Love Parade! Der Moerser Mega Rave dauert sehr viel länger. Unendlich lang.

 

 

 
   
 
     

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