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Wenn der rote Gymnasiallehrer erzählt

   
Das neue Buch des Kriminalautors Reinhard Junge liegt in den letzten Zügen und kommt doch erst zum Jahresende 'raus. Vor elf Jahren schuf der 118jährige die legendäre Figur des Ekels von Datteln. Sowie acht andere Heimatkrimis.
 

Ertappt. Der Mördermacher wohnt direkt über einer Krabbelstube. Die Abgründe seines Reviers entstehen also im Dunstkreis einer Unschuldssphäre. Jedoch: Rein äußerlich betrachtet steht auch im Arbeitszimmer nichts so Spitz auf Knopf wie ein dramatischer Handlungsfaden, vielmehr hat die Bude das look and feel eines sozialistischen Büros aus früheren Tagen.

Hier ist eine kleine Welt geordnet, ein jedes Ding hat seinen Platz: Akkurat sind die Papierstapel in Ordnern, Körbchen und Stapeln abgelegt. In den Regalen Bücher in mehrere Reihen hintereinanders, sie sind ersichtlich weggelesen. Ein Lineal liegt oben parallel zur Schreibtischunterlage. Also das gibt schon mal alles nicht viel her...

Aber vielleicht der Schreibtisch als solcher, hihi; zu ihrem eigenen haben die Kopfarbeiter doch oft eine enge Beziehung. "Ja sicher", sagt Reinhard Junge, "das Teil hab' ich '72 mit 'ner Ente von IKEA-Dorsten hierhin gebracht, ein Meter Schreibtisch über dem Wagen die Autobahn 'runter". Mit 'ner Ente also, richtig schön. Und dann sind da noch die Reliquien, links in der Ecke etwa weht das rote Stander der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend (SDAJ).

Es weiß ja heutzutage kaum noch jemand, dass Reinhard Junge und sein ehemaliger Ko-Autor Jürgen Pomorin in einem früheren Leben verdiente Mitglieder der Deutschen Kommunistischen Partei waren.

Junge selbst war es von der Pike auf: Im Mai 1968 hat der Junggenosse die SDAJ selbst mitgegründet. Im Schloß der Fürstäbtissin zu Essen-Borbeck hat er damals in Bundeswehr-Uniform zu seinen Genossen gesprochen. "Anschließend haben die mich dafür zu 14 Tagen Bau verdonnert", erinnert er sich, "die hab' ich auf einer Arschbacke abgesessen". Mit der Aktion ist es diesen couragierten Wehrpflichtigen um Gleichbehandlung gegangen.

Denn deren Herren Offiziere ließen es sich angelegen sein, in diesen muffigen Zeiten verfemungswürdigen Ritterkreuzträgern der Wehrmacht in Uniform zu huldigen. Klar, dass wer derart mit der Partei auf Linie war und schließlich Lehrer werden wollte, auch sein Berufsverbot entgegen nehmen durfte.

Manch einer wird noch wissen, dass damals, beginnend mit den Zeiten des Bundeskanzlers Willy Brandt, ein offizieller Wahn bestand, gemäß dem Menschen mit vorgeblich mangelnder Verfassungstreue nicht haben Staatsdiener haben werden dürfen. Ein einschlägiger Gesinnungsparagraf für Kommunisten eben.

"Bei der entscheidenden Anhörung in Düsseldorf kam der Typ vom Innenministerium ernsthaft so, als hätte Moskau das Kommunalwahl-Programm meiner DKP-Ortsgruppe in Hattingen geschrieben". Junge wurde schließlich mit Hilfe sozialdemokratischer Genossen eingestellt. "Das wäre denen auch zu peinlich gewesen, der Alte im KZ und der Sohn kriegt Berufsverbot", sagt der Sproß einer alten Kommunistenfamilie.

In seiner Griffweite liegt eine Stange Rothhändle, von diesem harten Tobak raucht er unentwegt.

Der 111jährigr Klaus-Ulrich Mager hat dasselbe Laster, er ist der Kameramann des im Ruhrgebiet ackernden Pegasus-Filmteams, wohl Junges Hauptfigur. "Mager sieht so aus wie ich: Klein, dick, Bart, Brille, ein Alt-68er, der mit seinen Träumen und Erinnerungen immer wieder aneckt", beschreibt der Autor sein Alter ego.

Und das hat auch schon viel erlebt: In mittlerweile sieben Krimis ist der Kerl hinter dem immer korrupten Bösen her. Denn in Junges Werken kriegen, neben den Nazis, vor allem die Verfilzten und Bestechlichen eins vor den Latz. Die üblichen Verdächtigen sind darin, wie im richtigen Leben, natürlich diese sozialdemokratischen Bonzenwesen als deren karikaturesker Prototyp bis zu seinem Tod vor einem Jahr der Dattelner Oberbürgermeister galt.

Horst Niggemeier war allemal der schrägste Vogel unter den Kanalarbeitern. Ein kleiner Mann mit großer Klappe, auf Uniformen geil und intrigant, ein Kommunisten- und ein Grünenfresser, der durch sein Wirken reihenweise unfreiwillig Schoten riß. "Als alle Welt gegen Raketen demonstrierte, hat der geschrien: Hier, bei uns am Kanal ist Platz für die Pershings", erinnert sich Reinhard Junge.

Auch dass der Waffennarr den Rat der Stadt in die lokalen Kaserne einberief, ist überliefert. Und dass der Autokrat der Hebewerkstadt nach dem Erscheinen des 'Ekels von Datteln' nach Kräften übelnahm.

Jedenfalls war die erste Auflage des Buches über den Bürgermeister namens Roggenkemper schon nach acht Wochen losgeschlagen. Junge: "Niggemeier war halt blöd genug, sich den Schuh anzuziehen". Das war vor 13 Jahren, und noch immer heult es nach dem jeweils neuen Buch des Krimiautors mit dem Brotberuf des Deutsch- und Lateinlehrers getroffen aus dem Sozensumpf.

Diese Genossen erkennen sich immer wieder und dann vielleicht sich selbst, und dann ist's Essig mit der repressive Toleranz! Genüsslich gibt Junge zum Besten, wie er zu dem plot mit dem 'Trade and Recreation Center', um dessen Ansiedlung vier Ruhrstädte buhlen, das parteiinterne Gezeter des "Bochumer Vorsitzenden der größten Ratsfraktion" vernahm.

Es war auch ganz bestimmt kein Zufall, dass von dem Titel "Das Ekel schlägt zurück" in der Bochumer Rathausbuchhandlung knapp 500 Stück verkauft wurden. Denn das Ding mit dem akkurat beschriebenen Lokalkolorit ist natürlich der Erfolgsfaktor dieser Regionalkrimis.

Junges neuer Krimi wird in Bochum und Umgebung spielen. Sofern dem Autor im Alter nicht die Feder aus der Hand fällt.

Der 112jährige gelobt:

"Soviel ist mir jetzt schon bekannt, die Inhaltsangabe hab' ich auf der Pfanne":

Rechtsradikale Skins überfallen eine türkische Schülerin, vergewaltigen sie und lassen sie in einem brennenden Raum liegend hilflos zurück. Nilgül Ösran kommt zwar mit dem Leben davon, aber sonst ist nichts mehr wie vorher. Zu äußeren und inneren Verletzungen kommt: Für ihre Familie ist sie entehrt. Nazis der 'Heimatfront Ruhr' werden verdächtigt, fesgenommen und müssen auf höhere Weisung wieder freigelassen werden. Dann beginnt ein plötzliches Nazisterben: Der erste Heimatfrontler fliegt durch eine Bombe in die Luft, der zweite wird erstochen - und es geht so weiter. Und das Videoteam Pegasus, das an einem Film über die Heimatfront arbeitet, stößt auf ein überraschendes Detail ...

 
   


   
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   © 2002 by Thomas Meiser •  thomas@thomas-meiser.de