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Wer zur Hölle ist Thomas Meiser?

 

 

 

 

Die Mordbuben von Walsum

   
In Duisburgs Norden liefen drei junge Leute kürzlich Amok. Stundenlang zogen sie prügelnd durch den Stadtteil Walsum. Ein alter Mann kam dabei äußerst brutal zu Tode, fünf andere Menschen wurden zum Teil schwer verletzt. Angesichts der Tatenserie ist man im Stadtteil noch immer fassungslos. Und die Täter rechnen sich der rechten Szene zu.
Tatort Duisburg
 
Walsum-Vierlinden. In dieser Ecke Duisburgs haben die Straßen kurze Männernamen. Rund einen Kilometer weiter östlich markiert die auslaufende A 59 die Dinslakener Stadtgrenze. Und nicht weit im Westen erreicht der Rheinstrom auf dieser Höhe Kilometerstand 794. Wie so häufig dreht Egon Effertz (55) auch an diesem Mittwochabend seine Runde durch die Nachbarschaft. Der Frührentner guckt gern rum nach Altmetall, das sich verhökern läßt. Das ist sein Hobby und ein Zubrot. Kurz nach neun gelangt der Alte in den Franz-Lenze-Park. Nicht weiter als ein Katzensprung von seinem Haus aus.

In der Grünanlage ist Mitte März der Frühling mild erwacht, Kirschbaumblüten und Forsythien regen sich. Doch davon ist jetzt in der Dunkelheit der Neumond-Nacht nichts mehr zu sehen. Und die Junkies oder Obdachlosen, die hier bisweilen Platte machen, haben sich wohl in der Nacht der siebzehnten März ein anderes Plätzchen gesucht. Trotzdem befindet sich Egon Effertz nicht ganz allein im kleinen Park. Im Rondell, einer Sitzgruppe aus betongefassten Holzbänken, die den Parkweg säumt, sitzen der Abiturient Stefan aus Meiderich(20), die arbeitslosen Walsumer Oliver (21) und Gordon (16) mit der 17jährigen Nicole aus Marxloh zusammen. Der Freundeskreis ist zum Rondell geflüchtet.

Denn vor kurzer Zeit haben sie auf der nahegelegenen Bahnhofstraße einen 44jährigen Mann mit Schlägen angegriffen. Oliver und Stefan traten zudem mit Stiefeln auf ihr schon zusammengesunkenes Opfer ein. Anschließend wurde der Kopf des 44jährigen mit einer Bierflasche traktiert. "Weil wir mit der Wirkung unsere Schläge nicht zufrieden waren", lautet Tage später ihre Aussage. Auch Egon Effertz wird im Rondell zunächst niedergeschlagen. Dann tritt man immer wieder auf den am Boden liegenden Rentner ein.

Erst als Egon Effertz infolge von Kehlkopf- und Rippenfrakturen hilfslos röchelt, lassen die Täter zunächst von ihm ab. Und überfallen auf der Manfredstraße, 300 Meter weiter östlich, einen Radfahrer, dem jedoch die Flucht gelingt. Etwa zehn Minuten später erreicht das Quartett die Bushaltestelle auf der Bahnhofstraße. Hier warten Dirk und Sabine (Namen geändert), beide 14, auf den Bus nach Hause. Sie hatten sich in Walsum einen schönen Tag gemacht. "Unvermittelt erhielt ich von einem der Älteren einen gezielten Schlag auf die Nase", erinnert sich Dirk, "und zwar mit einer Wasserflasche." Die Nase brach, Dirks Gesicht und seine Kleidung waren voller Blut.

"Ich schrie' Dirk an, so renn' doch weg", erzählt Sabine. Die Teenager wurden noch verfolgt, aber nicht eingeholt. Eine Woche lang mussten Dirks Verletzungen im Krankenhaus behandelt werden. Eine schwere Gehirnerschütterung und der Nasenbeinbruch. Gegen 21.40 Uhr ist das Quartett wieder bei Egon Effertz im Franz- Lenze-Park. Der Bewußtlose wird zu Tode gequält: Erst soll der 16jährige Gordon ein paarmal auf den Rentner eingetreten haben. Jedoch nicht auf den Kopf. "Dann schickten die beiden Älteren Gordon beiseite", sagt Paul Budde, Leiter der Mordkommission, "sie wollten nochmal ran.

Schließlich greift sich Oliver ein Seil, das Effertz bei sich trägt, stranguliert den Rentner und zieht den Versterbenden auf eine nahegelegene Wiese. Danach bringen die drei Mordbuben Nicole zur Haltestelle der Straßenbahn nach Duisburg-Marxloh. Die 17jährige mußte zeitig zu Hause sein. An der Halte 'Vierlinden' finden die drei jungen Männer ihr letztes Zufallsopfer, ein 23jähriger wird verprügelt. Dann ißt die Tätergruppe auf die Schnelle eine Pizza. Im Stehimbiß versichern die jungen Männer im Skinhead-Outfit einander dichtzuhalten. Bevor sie auseinander gehen.

Zu dieser Zeit kurven mindestens zwei Streifenwagen durch das Viertel, die drei hören auch noch den Ton des Martinhorns. Zu dieser Zeit fahren die Sanitäter den schwer verletzten Stefan in ein Krankenhaus. Bereits um 21.OO Uhr meldete sich das erste Opfer aus der Bahnhofstraße von Zuhause bei der Polizei. Egon Effertz wird Donnerstag morgen gegen fünf Uhr gefunden. Zehn Tage nach der Tat versammeln sich 150 fassungslose Walsumer am Tatort, um des Todes ihres Nachbarn zu gedenken. In Trauer schweigend tragen sie sich in ein Kondolenzbuch ein.

Ein Pfarrer hat ein Mahnmal aufgestellt. Die Tafel zeigt den Abdruck eines Stiefel sowie einen Bibelspruch, der Vergeltung fordert. "Jeder Stiefel, der mit Gedröhn dahergeht, wird verbrannt und vom Feuer verzehrt". Die geständigen Täter sitzen indes in Haft, der Untersuchungsrichter erließ gegen die drei Männer Haftbefehl wegen gemeinschaftlichen Mordes. Nicole ist auf freiem Fuß, gegen sie wird nur wegen unterlassenener Hilfeleistung ermittelt. Doch was bewog die jungen Männer zu ihrem Amoklauf? "Es gibt kein Motiv", sagen die Ermittler, "wer denen damals in die Quere kam, war einfach dran". Und: "Das hätte jeden treffen können, Effertz war leider zur falschen Zeit am falschen Platz." Und: "Einer von denen hat ausgesagt, wir haben uns nur verabredet, um ein bißchen Spaß zu haben." Und: "Manchen Leuten macht es eben Spaß, andere zu verprügeln."

Enthemmung durch Alkohol oder Drogen, etwa Speed? "Die Täter waren nicht betrunken, zu einem Drogenscreening hat keine Veranlassung bestanden". Auch ein rechter Hintergrund der Tatenserie wird polizeilicherseits bestritten. "Die Täter sind quasi nur als Skinheads verkleidet gewesen, außerdem waren die Opfer allesamt Deutsche". Aber zweifellos sind die drei Täter zweifellos der rechten Szene Duisburgs zugehörig. "Die haben bei mir ihr Bierchen getrunken", bestätigt der Wirt der überregional bekannten rechten Szenekneipe 'Zum Büschchen-Eck' auf Nachfrage, "aber nach diesem Mord sind die für mich Aussätzige". Im Lokal des Nebenerwerbs- Gastronomen auf der Walsumer Friedrich- Ebert-Straße träfen sich vor allem an Wochenenden "so 60 bis 80 Glatzen zum gemütlichen Abend".

Die Mehrheit käme sogar von außerhalb zu dem günstig an einer Autobahnabfahrt gelegenen Lokal. Rechtsorientierte Besucher berichten davon, daß hier während der Treffen der Glatzengilde das "ganze Nazi-Merchandising" erhältlich sei. Vom Feuerzeug mit der verbotenen Reichskriegsflagge bis hin zu "richtig harten Propagandaschriften". Auch Funktionäre sogenannter unabhängiger "Nazi- Kameradschaften" sollen hier verkehren. Die Führer versuchten, in der ideologisch ungefestigten rechten Szene Aktivisten für ihre straff verfassten Organisationen zu finden. "Manche Glatzen im Büschschen-Eck sind so hart, für die sind die 'Böhzsen Onkelz' eine linke Verräter- Combo, ich trau' mich da kaum rein", berichtet ein jüngerer rechtsgerichteter Gelegenheitsbesucher.

Dem Duisburger Staatsschutz sind bislang keine Straftaten innerhalb des Lokals bekannt. Nur "einzelne Personalienfeststellungen außerhalb des Lokals" werden eingeräumt. Diese hätten nach Ruhestörungen vollzogen werden müssen. Gleichwohl verlautet aus Duisburger Polizeikreisen, "daß dieser Laden hoch im Norden wegen der regelmäßigen Rechtsradikalentreffen unter ständiger Beobachtung steht". Auch ein Blick auf das engere soziale Umfeld der Duisburger Mordbuben bestätigt deren rechte Haltung. Kennengelernt haben dürften sie sich bei den rechtsorientierten Glatzenfans des Meidericher Spielvereins.

Doch es sind Menschen mit völlig verschiedenen Biografien: Der 21jährige Arbeitslose Oliver wohnte in Walsum bei seiner Großmutter. Seit sich vor neunzehn Jahren seine Eltern getrennt haben. Im Januar begann er eine Lehre in der Hotellerie. Nach einem Monat gab er sie auf. Weil er nicht immer so freundlich wie gefordert sein konnte. Seine Kumpels berichten davon, daß er "als unberechenbar" gilt, "wir hatten Höllenrespekt vor dem, weil der immer das letzte Stückchen weiter ging". Oliver war zwei Jahre lang Panzergrenadier beim Bund im Münsterland. Uon Kameraden ließ er sich eine Glatze scheren. Beim MSV hatte er Stadionverbot, der Polizei war er als Schläger bekannt.

Abiturient Stefan, 20, besuchte das Max-Planck- Gymnasium in Meiderich. Seine Mitschüler erinnern ihn als "kontroversen Typ": "Das ist einerseits ein hilfsbereiter Mensch gewesen, der wenig gesoffen und die Leute von Partys nach Hause gefahren hat, ohne Probleme mit Ausländern in der Schule. Andererseits stand Stefan im Wedaustadion bei den Harten, war wohl auch kleineren Raufereien nicht abgeneigt und kam mit einer Glatze an, nachdem die DVU bei den sachsen-anhaltinischen Landtagswahlen im letzten Jahr ihr Traumergebnis eingefahren hatte, auch das blieb hängen".

Gordon aus Walsum, mit 16 Jahren der jüngste Täter, stammt "sehr einfachen Verhältnissen", wie Bekannte sagen. Als drittes Kind seiner Eltern ist er ein Wunschkind. Und seine Eltern haben offensichtlich mit allem was ihnen zu Gebote stand, gegen sein Abdriften in die rechte Szene gekämpft. "seine Mutter hat sich echt liebevoll um ihn gekümmert", sagen Gordons Freunde, "die hat sich etwa Geld vom Mund abgespart, um mit dem Pommes essen zu gehen". erzählt wird auch, daß die Eltern ihmen Sozhn untersagten, sich die Haare kurz zu schneiden, die Bomberjacke zu tragen oder seine rechten Freunde zu treffen. Gordons Bekannte beschreiben den Jugendlichen "als sensiblen Menschen, jedoch zu wenig selbstbewußt, um an der richtigen Stelle nein sagen zu können". ausfürlich wird berichtet, wie seine Mutter, nachdem Gordon zu Jahresanfang straffällig wurden, bei staatlichen und kommunalen Stellen um Unterstützung nachsuchte.

Und daß sie die dringend erbetene Hilfestellung, beispielsweise durch die Jugendgerichtshilfe, offensichtlich nicht in zureichendem Maße bekam. Die Staatsanwaltschaft hat ihre Ermittlungen des Amoklaufes mittlerweise abgeschlossen. In diesem Jahr noch dürfte der Prozeß vor dem Duisburger Landgericht anstehen. Gemeinschaflticher Mord gilt als eines der schlimmsten Kapitalverbrechen. Sofern sich diese Straftat erweist, drohen den Tätern hohe Strafen. Lebenslang für den erwachsenen Oliver. Maximal zehn Jahre Jugendstrafe für Stefan und Gordon.

 
   


   
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