| Walsum-Vierlinden.
In dieser Ecke Duisburgs haben die Straßen kurze Männernamen.
Rund einen Kilometer weiter östlich markiert die auslaufende
A 59 die Dinslakener Stadtgrenze. Und nicht weit im Westen erreicht
der Rheinstrom auf dieser Höhe Kilometerstand 794. Wie so häufig
dreht Egon Effertz (55) auch an diesem Mittwochabend seine Runde durch
die Nachbarschaft. Der Frührentner guckt gern rum nach Altmetall,
das sich verhökern läßt. Das ist sein Hobby und ein
Zubrot. Kurz nach neun gelangt der Alte in den Franz-Lenze-Park. Nicht
weiter als ein Katzensprung von seinem Haus aus.
In der Grünanlage ist Mitte März der Frühling mild
erwacht, Kirschbaumblüten und Forsythien regen sich. Doch davon
ist jetzt in der Dunkelheit der Neumond-Nacht nichts mehr zu sehen.
Und die Junkies oder Obdachlosen, die hier bisweilen Platte machen,
haben sich wohl in der Nacht der siebzehnten März ein anderes
Plätzchen gesucht. Trotzdem befindet sich Egon Effertz nicht
ganz allein im kleinen Park. Im Rondell, einer Sitzgruppe aus betongefassten
Holzbänken, die den Parkweg säumt, sitzen der Abiturient
Stefan aus Meiderich(20), die arbeitslosen Walsumer Oliver (21)
und Gordon (16) mit der 17jährigen Nicole aus Marxloh zusammen.
Der Freundeskreis ist zum Rondell geflüchtet.
Denn vor kurzer Zeit haben sie auf der nahegelegenen Bahnhofstraße
einen 44jährigen Mann mit Schlägen angegriffen. Oliver
und Stefan traten zudem mit Stiefeln auf ihr schon zusammengesunkenes
Opfer ein. Anschließend wurde der Kopf des 44jährigen
mit einer Bierflasche traktiert. "Weil wir mit der Wirkung
unsere Schläge nicht zufrieden waren", lautet Tage später
ihre Aussage. Auch Egon Effertz wird im Rondell zunächst niedergeschlagen.
Dann tritt man immer wieder auf den am Boden liegenden Rentner ein.
Erst als Egon Effertz infolge von Kehlkopf- und Rippenfrakturen
hilfslos röchelt, lassen die Täter zunächst von ihm
ab. Und überfallen auf der Manfredstraße, 300 Meter weiter
östlich, einen Radfahrer, dem jedoch die Flucht gelingt. Etwa
zehn Minuten später erreicht das Quartett die Bushaltestelle
auf der Bahnhofstraße. Hier warten Dirk und Sabine (Namen
geändert), beide 14, auf den Bus nach Hause. Sie hatten sich
in Walsum einen schönen Tag gemacht. "Unvermittelt erhielt
ich von einem der Älteren einen gezielten Schlag auf die Nase",
erinnert sich Dirk, "und zwar mit einer Wasserflasche."
Die Nase brach, Dirks Gesicht und seine Kleidung waren voller Blut.
"Ich schrie' Dirk an, so renn' doch weg", erzählt
Sabine. Die Teenager wurden noch verfolgt, aber nicht eingeholt.
Eine Woche lang mussten Dirks Verletzungen im Krankenhaus behandelt
werden. Eine schwere Gehirnerschütterung und der Nasenbeinbruch.
Gegen 21.40 Uhr ist das Quartett wieder bei Egon Effertz im Franz-
Lenze-Park. Der Bewußtlose wird zu Tode gequält: Erst
soll der 16jährige Gordon ein paarmal auf den Rentner eingetreten
haben. Jedoch nicht auf den Kopf. "Dann schickten die beiden
Älteren Gordon beiseite", sagt Paul Budde, Leiter der
Mordkommission, "sie wollten nochmal ran.
Schließlich greift sich Oliver ein Seil, das Effertz bei
sich trägt, stranguliert den Rentner und zieht den Versterbenden
auf eine nahegelegene Wiese. Danach bringen die drei Mordbuben Nicole
zur Haltestelle der Straßenbahn nach Duisburg-Marxloh. Die
17jährige mußte zeitig zu Hause sein. An der Halte 'Vierlinden'
finden die drei jungen Männer ihr letztes Zufallsopfer, ein
23jähriger wird verprügelt. Dann ißt die Tätergruppe
auf die Schnelle eine Pizza. Im Stehimbiß versichern die jungen
Männer im Skinhead-Outfit einander dichtzuhalten. Bevor sie
auseinander gehen.
Zu dieser Zeit kurven mindestens zwei Streifenwagen durch das Viertel,
die drei hören auch noch den Ton des Martinhorns. Zu dieser
Zeit fahren die Sanitäter den schwer verletzten Stefan in ein
Krankenhaus. Bereits um 21.OO Uhr meldete sich das erste Opfer aus
der Bahnhofstraße von Zuhause bei der Polizei. Egon Effertz
wird Donnerstag morgen gegen fünf Uhr gefunden. Zehn Tage nach
der Tat versammeln sich 150 fassungslose Walsumer am Tatort, um
des Todes ihres Nachbarn zu gedenken. In Trauer schweigend tragen
sie sich in ein Kondolenzbuch ein.
Ein Pfarrer hat ein Mahnmal aufgestellt. Die Tafel zeigt den Abdruck
eines Stiefel sowie einen Bibelspruch, der Vergeltung fordert. "Jeder
Stiefel, der mit Gedröhn dahergeht, wird verbrannt und vom
Feuer verzehrt". Die geständigen Täter sitzen indes
in Haft, der Untersuchungsrichter erließ gegen die drei Männer
Haftbefehl wegen gemeinschaftlichen Mordes. Nicole ist auf freiem
Fuß, gegen sie wird nur wegen unterlassenener Hilfeleistung
ermittelt. Doch was bewog die jungen Männer zu ihrem Amoklauf?
"Es gibt kein Motiv", sagen die Ermittler, "wer denen
damals in die Quere kam, war einfach dran". Und: "Das
hätte jeden treffen können, Effertz war leider zur falschen
Zeit am falschen Platz." Und: "Einer von denen hat ausgesagt,
wir haben uns nur verabredet, um ein bißchen Spaß zu
haben." Und: "Manchen Leuten macht es eben Spaß,
andere zu verprügeln."
Enthemmung durch Alkohol oder Drogen, etwa Speed? "Die Täter
waren nicht betrunken, zu einem Drogenscreening hat keine Veranlassung
bestanden". Auch ein rechter Hintergrund der Tatenserie wird
polizeilicherseits bestritten. "Die Täter sind quasi nur
als Skinheads verkleidet gewesen, außerdem waren die Opfer
allesamt Deutsche". Aber zweifellos sind die drei Täter
zweifellos der rechten Szene Duisburgs zugehörig. "Die
haben bei mir ihr Bierchen getrunken", bestätigt der Wirt
der überregional bekannten rechten Szenekneipe 'Zum Büschchen-Eck'
auf Nachfrage, "aber nach diesem Mord sind die für mich
Aussätzige". Im Lokal des Nebenerwerbs- Gastronomen auf
der Walsumer Friedrich- Ebert-Straße träfen sich vor
allem an Wochenenden "so 60 bis 80 Glatzen zum gemütlichen
Abend".
Die Mehrheit käme sogar von außerhalb zu dem günstig
an einer Autobahnabfahrt gelegenen Lokal. Rechtsorientierte Besucher
berichten davon, daß hier während der Treffen der Glatzengilde
das "ganze Nazi-Merchandising" erhältlich sei. Vom
Feuerzeug mit der verbotenen Reichskriegsflagge bis hin zu "richtig
harten Propagandaschriften". Auch Funktionäre sogenannter
unabhängiger "Nazi- Kameradschaften" sollen hier
verkehren. Die Führer versuchten, in der ideologisch ungefestigten
rechten Szene Aktivisten für ihre straff verfassten Organisationen
zu finden. "Manche Glatzen im Büschschen-Eck sind so hart,
für die sind die 'Böhzsen Onkelz' eine linke Verräter-
Combo, ich trau' mich da kaum rein", berichtet ein jüngerer
rechtsgerichteter Gelegenheitsbesucher.
Dem Duisburger Staatsschutz sind bislang keine Straftaten innerhalb
des Lokals bekannt. Nur "einzelne Personalienfeststellungen
außerhalb des Lokals" werden eingeräumt. Diese hätten
nach Ruhestörungen vollzogen werden müssen. Gleichwohl
verlautet aus Duisburger Polizeikreisen, "daß dieser
Laden hoch im Norden wegen der regelmäßigen Rechtsradikalentreffen
unter ständiger Beobachtung steht". Auch ein Blick auf
das engere soziale Umfeld der Duisburger Mordbuben bestätigt
deren rechte Haltung. Kennengelernt haben dürften sie sich
bei den rechtsorientierten Glatzenfans des Meidericher Spielvereins.
Doch es sind Menschen mit völlig verschiedenen Biografien:
Der 21jährige Arbeitslose Oliver wohnte in Walsum bei seiner
Großmutter. Seit sich vor neunzehn Jahren seine Eltern getrennt
haben. Im Januar begann er eine Lehre in der Hotellerie. Nach einem
Monat gab er sie auf. Weil er nicht immer so freundlich wie gefordert
sein konnte. Seine Kumpels berichten davon, daß er "als
unberechenbar" gilt, "wir hatten Höllenrespekt vor
dem, weil der immer das letzte Stückchen weiter ging".
Oliver war zwei Jahre lang Panzergrenadier beim Bund im Münsterland.
Uon Kameraden ließ er sich eine Glatze scheren. Beim MSV hatte
er Stadionverbot, der Polizei war er als Schläger bekannt.
Abiturient Stefan, 20, besuchte das Max-Planck- Gymnasium in Meiderich.
Seine Mitschüler erinnern ihn als "kontroversen Typ":
"Das ist einerseits ein hilfsbereiter Mensch gewesen, der wenig
gesoffen und die Leute von Partys nach Hause gefahren hat, ohne
Probleme mit Ausländern in der Schule. Andererseits stand Stefan
im Wedaustadion bei den Harten, war wohl auch kleineren Raufereien
nicht abgeneigt und kam mit einer Glatze an, nachdem die DVU bei
den sachsen-anhaltinischen Landtagswahlen im letzten Jahr ihr Traumergebnis
eingefahren hatte, auch das blieb hängen".
Gordon aus Walsum, mit 16 Jahren der jüngste Täter, stammt
"sehr einfachen Verhältnissen", wie Bekannte sagen.
Als drittes Kind seiner Eltern ist er ein Wunschkind. Und seine
Eltern haben offensichtlich mit allem was ihnen zu Gebote stand,
gegen sein Abdriften in die rechte Szene gekämpft. "seine
Mutter hat sich echt liebevoll um ihn gekümmert", sagen
Gordons Freunde, "die hat sich etwa Geld vom Mund abgespart,
um mit dem Pommes essen zu gehen". erzählt wird auch,
daß die Eltern ihmen Sozhn untersagten, sich die Haare kurz
zu schneiden, die Bomberjacke zu tragen oder seine rechten Freunde
zu treffen. Gordons Bekannte beschreiben den Jugendlichen "als
sensiblen Menschen, jedoch zu wenig selbstbewußt, um an der
richtigen Stelle nein sagen zu können". ausfürlich
wird berichtet, wie seine Mutter, nachdem Gordon zu Jahresanfang
straffällig wurden, bei staatlichen und kommunalen Stellen
um Unterstützung nachsuchte.
Und daß sie die dringend erbetene Hilfestellung, beispielsweise
durch die Jugendgerichtshilfe, offensichtlich nicht in zureichendem
Maße bekam. Die Staatsanwaltschaft hat ihre Ermittlungen des
Amoklaufes mittlerweise abgeschlossen. In diesem Jahr noch dürfte
der Prozeß vor dem Duisburger Landgericht anstehen. Gemeinschaflticher
Mord gilt als eines der schlimmsten Kapitalverbrechen. Sofern sich
diese Straftat erweist, drohen den Tätern hohe Strafen. Lebenslang
für den erwachsenen Oliver. Maximal zehn Jahre Jugendstrafe
für Stefan und Gordon.
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