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Wer zur Hölle ist Thomas Meiser?

 

 

 

 

Mit Sicherheit ein gutes Gefühl

   
Auf der Security-Messe in Essen geht die Branche mit Netzen und Fußangeln auf Kundenfang

 

 

 
Dieser Prügel ist eine todsichere Sache. Und sogar nicht letal: Du hast diesen dicken Zylinder in den Pfoten, drückst dann auf irgendeinen Knopf auf dem Ding. Sofort fliegt ein Textilgespinst aus dem Rohr. Im Fluge verstetigen sich die Fasern, das Netz entfaltet sich auf 25 Quadratmeter Fläche und hüllt jetzt den Bösewicht unentwirrbar ein. Je heftiger der Gefangene im Netz zappelt, desto mehr verheddert er sich darin. Weil sich innerhalb des reißfesten Netzes dessen Verknüpfungspunkte verschieben. Das ist eine jener exotischen Schutzapparaturen, die die Leipziger 'Gesellschaft für Technologieaufbau' dem schwer beeindruckten Fachpublikum der Essener 'Security' gern vorführt.

"Wir packen die Jungs", rühmen sich diese Menschenfischer selbst. Auch gegen das im Osten in Mode gekommene Delikt des Blitzeinbruchs haben sich die innovativen Sachsen gewappnet: Sie fertigten einen "Wirkkopf mit Stahlseil", der blitzschnell eine Fußfessel um die Beine des Täters schlingt und "damit dessen Bewegungsspielraum extrem einschränkt". Das neuartige Gerät, das ausschließlich Gefangene macht, ist pro Schlinge schon für weniger als Tausend Mark zu haben. Zusammen mit dem Netzwurf-Rohr soll sich "ein aktives Einbruch- und Überfallschutzsystem ergeben. Effizient, billig und leicht aberwitzig. Essens Bürgermeisterin Rosemarie Heimig ist mächtig begeistert von derartigen Erfindungen der boomenden Sicherheitsbranche. Die christdemokratische Law-and-Order-Sympathisantin preist die 'Security' auch generell: "Hier werden Trends frühzeitig erkennbar, hier reifen Ideen für die Weiterentwicklung von Produkten." Schließlich ist die bis Freitag dauernde Großveranstaltung die weltgrößte Sicherheitsmesse.

Über 800 Aussteller aus 30 Nationen stellen hier ihre Leben oder Eigentum schützenden Produkte aus. Seit 22 Jahren gastiert die Messe für Sicherheitstechnik in der Lichterstadt. Früher kamen zehntausend Besucher, heuer werden mindestens 35 ooo erwartet. In der typischen Atmosphäre mit der großen Schnauzbart-Dichte soll das Pinneken Reizgas genauso unter die Leute gebracht werden wie Daimlers monströses "Sonderschutzfahrzeug auf Basis der S-Klasse". Der 600er Pullmann kommt auf knapp fünf Tonnen Kampfgewicht. 394 Pferdestärken bewegen seine zwölf Zylinder. Damit erreicht das Hunderttausende kostende Panzerfahrzeug eine Spitzengeschwindigkeit von ganzen 160 Stundenkilometern. Denn schnellere Fahrten lassen die schußsicheren Reifen nicht zu.

"Dieser Schütze kann schießen, der ist nämlich zertifiziert", versichert der Anreißer während einer Freiluftvorführung zwischen den Messehallen. Gleichwohl begibt sich das Publikum in diesem "Action Center" vorsichtshalber hinter den elektrisch geladenen Sicherheitszaun mit dem beziehungsreichen Namen 'Classic'. Zu sehen gibt es einen Beschußversuch auf Polycarbonat. Der Mann mit dem Gewehr legt also auf ein Glasfenster an, drückt ab, und das Glas hält stand. Mehr noch: "Ich bitte zu beachten, daß kein Splitterabgang vonstatten ging", schwärmt der Anreißer angesichts der angeschossenen scheibe. Sein Fachbetrieb ist darauf spezialisiert, eine drei Zehntel Millimeter dünne Spezialplastik-Folie auf Scheiben zu kleben, um sie schußfest zu machen, garantiert dazu "die absolute Blasenfreiheit". Dieweil umschleicht in der Halle nebenan ein leibhaftiger Panzerknacker die Außenseite einer Rollade. Doch weit und breit ist kein Tresor zu sehen. Der mit einer schwarzen Larve maskierte Vorzeigetäter hat sich wohl in der Adresse vertan. Und das einbruchssichere Rollo zu knacken vermag der Vermummte ohnehin nicht. Frustriert schlägt er darauf ein.

Ein paar Ecken weiter hinten hüllt sich die Szenerie sukkzessiv in Nebelschwaden. Denn eine gewisse 'Silent Power' breitet sich hier aus: Der von der Firma 'Sinetec' aus Pfaffenhofen so benannte "Airbag gegen Einbrecher" ist in Wahrheit ein Vernebelungsgerät. Der schuhkartongroße Kasten wird zunächst an eine Einbruchmeldeanlage angeschlossen. Wenige Sekunden nach Auslösen eines Alarms speit diese Kiste weißen Qualm in rauhen Mengen. Bis zu 750 Kubikmetern werden ausgestoßen. In der Folge verliert sich also jeder ungebetene Gast in einer dichten weißen Nebelbank. Hundertprozentige Sehbehinderung und sofort eintretende Orientierungslosigkeit verheißen die Nebelwerfer. Nicht einmal Lampen sollen den Spezialnebel durchdringen können.

Weil sie sich dessen sicher sind, starten die Rauchwarenhändler auf ihrem Messestand stündlich ein Experiment mit Freiwilligen. Die Opfer werden in einen verglasten Raum gepfercht, volle Suppe benebelt und dürfen nach von der Decke baumelnden Geldscheinen angeln. Wie aber kann man sich schützen, wenn ein Projektil auf dem Weg zum Ziel durch die Nebelwand huscht? Damit ein solches Geschoß nicht direkt auf Menschenfleisch trifft, gibt es auf dem Essener Weltmarkt der Sicherheit Schutzwesten in großer Zahl: Den Überkleidern gemeinsam ist eine Kunststoff-Faser des französischen Chemiemultis 'Dupont' - der Stoff namens 'Kevlar'. Diese Faser ist fünfmal zäher als Stahldraht, wiegt aber viel weniger. Also kann man mit einem dichtem Kevlargewebe eine wirkungsvolle Panzerung erzielen. Über 1000 Polizisten wurden in den letzten 15 Jahren durch derartige Schutzwesten vor schweren oder tödlichen Verletzungen bewahrt.

Wie aber sieht es in diesen finstren Zeiten "in der Kriminalitätslandschaft aus?" fragt die 'Arbeitsgemeinschaft für Sicherheit der Wirtschaft' auf der Essener Messe und gibt selbst die Antwort: Schlimm, schlimm. Denn ausweislich dieser 'Zentralorganisation der Wirtschaft' ist beispielsweise "ein großer Anstieg im Bereich des Ladendiebstahls in jedweder Form zu verzeichnen". 677.500 Akte derartiger illegaler Besitzergreifung erfasste die Organisation im letzten Jahr, mit einer Dunkelziffer von 90 Prozent. Also setzt der Handel "mit gutem Erfolg" auf private Sicherheitsunternehmen. Gleichwohl verzeichnet die polizeiliche Kriminalstatistik des letzten Jahres einen Rückgang der Straftaten und eine erhöhte Aufklärungsquote. Auch im ersten Halbjahr dieses Jahres soll nach Schätzungen des Bundeskriminalamtes die Zahl der Delikte leicht rückläufig sein. Die Sicherheitsbranche ficht diese deutliche Trendumkehr nicht an. Hier werden die lukrativen Geschäfte aus dem subjektiven Unsicherheitsgefühl der Bevölkerung gespeist.

Daß der Markt für private Sicherheitsdienstleistungen boomt, stellt auch Fritz Behrens, der NRW-Minister für Inneres und Justiz, in den Messehallen fest. In der Tat: Rund 1400 deutsche Sicherheitsunternehmen erwirtschaften mit 1400 sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten und etwa 50 000 Kurzzeitbeschäftigten einen Jahresumsatz von etwa 4,5 Milliarden Mark. Lediglich der Umsatz der Sparte Sicherheitstechnik geht zurück. Ob Lauschangriffabwehrsysteme, Videoüberwachung, Bewegungsmelder oder Funkalarmanlagen - überall führt der Preisdruck zu einer verstärkten Verlagerung der Fertigungsbereiche ins Ausland.

Die gewissenhaften Burschen der österreichischen 'International Bodyguard Agency' interessiert das sicher weniger. Mit stoischer Professionalität schützen sie wie eh und je ihren Promi. Trotzdem der aussieht wie der Terminator. Denn es ist Schwarzenegger.

 
   


   
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   © 2002 by Thomas Meiser •  thomas@thomas-meiser.de