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Wer zur Hölle ist Thomas Meiser?

 

 

 

 

Trainspotting im Ruhrgebiet

   
Castortransporte fahren schon lange durchs Land. Streckenspäher liegen nachts auf der Lauer, um sie zu dokumentieren
 
Nachts um elf am Duisburger Hauptbahnhof. Die Taxikutscher schlagen ihre Nachtschicht tot, und selbst der Mond ist nur halb da. Ein paar junge Leute stehen um die Kühlerhaube eines Autos am Ende der Taxischlange. Einer von ihnen breitet eine Karte aus, sie zeigt die Stadt in kleinem Maßstab. Aber vor allem verzeichnet das Meßtischblatt die Bahnstrecken im Ort, die in den nächsten Stunden zur Beobachtung anstehen.

Denn die unauffällige Jugendgruppe wird sich in der Nähe auf die Lauer legen, um die Route eines Atomtransportes zu dokumentieren. Über Oberhausen nämlich führt ein verdächtiger Schienenstrang nach Duisburg-Meiderich. Südlich der Ruhr, beim Straßenverkehrsamt, wird die A 40 überbrückt. In Richtung Innenstadt gabelt sich die Strecke und führt sowohl durchs Univiertel als auch durch den Hauptbahnhof nach Düsseldorf. Auf diesen Gleisen könnten heute nacht Castoren rollen.

Man kann sie selbst bei Dunkelheit leicht erkennen: Die auffälligen Metallbehälter laufen auf vielen Achsen und sind immer direkt hinter der Lok vor einen normalen Güterzug gekoppelt. Ein solcher Lastzug startet üblicherweise im hohen Norden, denn in den Castor-Transportbehältern werden die abgebrannten Brennelemente der niedersächsischen Atomkraftwerke Krümmel und Grohnde verschoben. Etappenziel des Atommülls ist die französische Hafenstadt Dunkerque. Von dort aus werden sie zur britischen Wiederaufbereitungsanlage Sellafield verschifft. Im Bahnhof machen sich jetzt Christof und Petra auf den Weg zu ihrem Posten.

Gerade verläßt ein Stadtexpress Gleis 6. Die beiden haben Kamera, Blitz und Stativ dabei, am Ende eines Bahnsteiges bauen sie ihre Technik in Richtung Osten auf. Um warm zu werden, verfolgt Christof ein paar einlaufende Güterzüge mit dem Zoomobjektiv. Ein Gleisbau-Zug mit Nachtarbeitern, in schreiend orange gewandet, nähert sich gemächlich. Kein Grund zur Sorge für die Späher. "Blitz' ich aber die Lokführer zu auffällig an, funken die das zum Bundesgrenzschutz weiter", sagt der Dinslakener Schüler, "und wenn die uns dann kontrollieren, machen wir nur harmlose Bildchen für die Schülerzeitung." Christof und Petra beobachten nächtliche Atomtransporte nicht zum ersten Mal. "Mich stört einfach, daß die Bevölkerung über die Gefährdung durch Atomtransporte nicht informiert wird, obwohl davon jährlich Hunderte stattfinden", sagt Petra zu ihrer Motivation.

Schon vor zwei Wochen lag sie mit Christof bei Eiseskälte auf der Lauer, als ein Transportzug eine alternative Route nahm. Die diversen Spähergruppen entlang der Bahnstrecke vermerken, daß kurz nach drei Uhr nachmittags zwei Waggons mit Castor-Transportbehältern das Betriebsgelände des Atomkraftwerks Krümmel verließen. Nach 22 Uhr querte der auffällige Güterzug Münster und zog etwa eine Stunde später über die Strecke der Köln-Mindener Eisenbahn durchs Ruhrgebiet. Via Dortmund-Gelsenkirchen-Essen-Oberhausen. "Auch in Duisburg konnte man merken, daß sich was tut", erinnert sich Christof, "plötzlich war der ganze Bahnhof voll von Grenzschützern".

Dem Bundesgrenzschutz obliegt es, das Streckennetz der Bahn zu hüten. Lediglich der BGS weiß Bescheid darüber, wann welcher Atomtransport welcher Strecke nimmt. Katastrophenschützer und Gemeinden werden nicht einbezogen. Anderen Streckenspähern gelang es schließlich am Düsseldorfer Bahnhof Eller Süd, die beiden Castoren abzulichten. "Die Idee der Streckenbeobachtungen haben wir direkt nach Tschernobyl entwickelt", sagt Heide vom Dortmunder Anti-Atom-Büro, "nachdem uns klar geworden ist, daß das Schienennetz der Bahn die Lebensader der Atomindustrie ist". Sind nämlich in den AKWs die Brennelemente abgefackelt, müssen deren Betreiber diese in den vermeintlich sicheren Castoren auf die Schiene setzen.

Entweder in Richtung Wiederaufbereitung ins Ausland. Oder in sogenannte Zwischenlager. Nach Ahaus etwa. Über die Jahre betrieben die Dortmunder Anti-AKW-AktivistInnen eine aufwendige Recherche in Sachen Atomtransporte. "Beispielsweise haben wir herausgefunden, daß die Güterzüge mit den Castoren nach regulären Fahrplänen fahren", erzählt Heide, "und zwar immer so, daß keine Wochenend-Arbeit anfällt". Auch die Transporte der 305 Castoren aus dem stillgelegten Thorium-Reaktor in Hamm- Uentrop in Richtung Ahaus wurden von den Spähern bebobachtet. "Nachdem wir in Hamm erstmals mit Fahrrädern aufgekreuzt sind, mußten sich die Werkschützer auch welche anschaffen", erinnert man sich.

Zu Hochzeiten des Trainspottings gab es im Bundesgebiet rund 20 Spähergruppen. Nahe den AKWs und entlang der Transportstrecken. Anfang der 90er veröffentlichten sie ihre Ermittlungsergebnisse in einer Streckenkarte. In Sachen Zugtransport kritisieren die Atomkraftgegner erstmals, daß er erhebliche Gefahren birgt: Selbst auf kürzere Entfernung sei die von den Castorbehältern ausgehende radioaktive Strahlung gefährlich. Und im Falle eines Unfalls könnte die Umgebung bis zu einem Radius von 50 Kilometern verseucht werden. Zudem werden die bei den Transportbehältern zugrunde gelegten Sicherheitstests als unzulänglich kritisiert. Um drei Uhr morgens hocken Dirk und Kai leicht bibbernd unter einem Tarnnetz auf Isomatten an der Bahnlinie in Duisburg-Kaiserberg.

Hinter ihnen die Autobahn, die Uni in Sichtweite. Auch sie sind nächtens auf dem Ansitz in Sachen Castor-Abschuß. Scheinwerfer und Videokamera sind startklar. Wenn jetzt Kais Handy piepst, wissen die beiden, daß sich der Castor nähert. Ein Posten weiter vorn sah dann soeben, welche Verzweigung das Zielobjekt nahm. Dann hält Dirk mit der Kamera drauf, und Kai gibt die Nachricht weiter. Die nächsten Späher stehen in Düsseldorf, Langenfeld und Köln. Sämtliche anonymen Streckenspäher sind am Tag X sicher auch in Ahaus. Doch vorher veröffentlichen sie eine Karte mit den Bahnstrecken der Atomtransporte.

Damit es auch nach Ahaus weitergehen wird.

 
   


   
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