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Venlo greift durch

   
Käse, Kaffee und Cannabis sind seit Jahrzehnten die Verkaufsrenner in der niederländischen Grenzstadt Venlo. Doch der offene Dope-Verkauf, vornehmlich an Ruhriekunden, geht den Käsekrämern mittlerweile allzuweit. Jetzt will die Gemeinde das wilde Dealen stoppen.
 
Der Scheideweg für Venlo-Touries, die aus dem Westen mit der Bahn anreisen, ist der Bahnhof Viersen. In dieser Kleinstadt ist der Umstieg in den 'Rhein-Holland-Express' fällig. Wer etwa mit der Regionalbahn 3 aus Richtung Hamm quer durchs das Industriegeläuf der Ruhrstadt düste, erlebt nach dem Zugwechsel das weite Land des linken Niederrheins.

Der grenzüberschreitende Express hält an jeder Kuhglocke. Haltepunkte wie Dülken, Boisheim und Breyell werden stündlich angesteuert. Vormittags sticht tief die Wintersonne ins Abteil, braches Ackerland und Kirchturmspitzen ziehen gemächlich vorbei. Auf einem Hofdach längs des Gleises sticht ein Windrichtungszeiger in den Himmel. Statt eines Wetterhahnes zeigt er eine scharzgescheckte Kuh.

Nach etwa einem Viertelstündchen Landidylle ist das Ziel in Sicht. Jenseits der grünen Grenze: Die Autokennzeichen sind plötzlich gelb, die Häuser nicht mehr ziegelrot. Leichtbauten stattdessen, mit Fenstern ohne Gardinen. Am Bahnhof Venlo trottet jetzt die Konsumentenhorde über den Bahnsteig. Wie üblich sind das auch an diesem Samstag vor allem Kids und Rentner.

In Sachen Grenzlandschmuggel haben beide Gruppen eine lange Tradition: Als Zoll und Steuern noch die Preise machten, lohnte es sich für die älteren Normalverbraucher über das Maß hinaus, Zigaretten und Kaffee nach Deutschland zu bringen. Und für die jungen Konsumenten war Venlo immer schon das Einkaufsparadies für Dope und Gras.

Am Bahnhof findet eine Erstkontrolle von nur unter Nichteuropäern statt. Wer bei der Einreise etwa dunkelhäutig aussieht, der muß Pass und Visum zücken. Andreas und Gerd, die von sich sagen, dass sie aus Essen kommen, ficht das nicht an. Sie wirken deutsch und cool genug für ihre ganz spezielle Einkaufstour.

Schon vor dem Bahnhof werden die beiden in dieser Sache von der Seite angequatscht. An einem leeren Polizeiauto lehnt einer dieser Schlepper und offeriert den Interessenten ungefragt den Weg zum gern genommenen niederländischen Lampengras. Gut und billig natürlich.

Bis in den späten Abend stehen die Schlepper an jedem einigermaßen zentralen Ort der kleinen Handelsstadt. Schließlich sind knapp 70 illegale Verkaufsstellen von Cannabisprodukten mit Kunden zu versorgen, wie man in der Stadtverwaltung weiß. Das große Angebot ist Quintessenz grenzübergreifender Marktwirtschaft: In einem Radius von 50 Kilometern rund um Venlo wohnen fünf Millionen Menschen, die meisten in Deutschland.

Ein anderer Bahnhofsschlepper schießt den Vogel ab, er bietet eine Rollerfahrt zu einem der illegalen Coffeshops. "Das dauert drei Minuten", sagt der Schlepper und sogar einen Helm für seinen Sozius hat er dabei. Per Handy avisiert er erst mal seinen Kunden, dann geht die kurze Fahrt in Richtung Maas. An einer Querstraße des Maasufers deutet er auf ein Haus: "Da einfach klingeln, Du wirst schon erwartet." Was dieser Job jetzt für ihn einbringt? "Prozente, was du kaufst."

Im Haus steht auf dem Absatz einer steilen Treppe ein Typ, und bittet raufzukommen. Er geleitet in einen Raum im ersten Stock. Das muß früher eine Küche gewesen sein, Spüle und Herd wurden wohl von der Wand gerupft. Aber der Kühlschrank ist noch da. Zwei Jungs in den Zwanzigern sitzen an einem kahlen Tisch, darauf ein Walkie-Talkie, ein Mikrohandy und ein Aschenbecher, in dem eine Tüte qualmt. Das erste Angebot: "Was trinken? Red Bull? Cola? Seven Up?" Es klingelt, herauf kommt eine Frau mit Einkaufsabsicht. Eigens aus Neuss, sagt sie. Die verzichtet aufs Getränk, kauft schnell zehn Gramm Gras für 110 Mark, Marke 'White Widow' und geht dann wieder.

Jetzt soll in dem grasverqualmten Kabuff zur Frage werden, was die jungen Dealer vom 'Plan Hektor' halten. Der scharfe Hundename bezeichnet ein auf fünf Jahre angelegtes "Programm zur integralen Sicherheitspolitik". Herumhängende Schlepperbanden sollen zerstreut, illegale Coffeshops geschlossen werden. Doch der Dealer, der sich Picasso nennt, sagt nur kurz angebunden: "Noch stört uns das nicht" und fragt: Was willste kaufen?"

200 Meter weiter östlich in Venlos neuem Rathaus sitzt 'Hektors' Communicatieadviseur Elke Haanraadts und gibt das offizielle Lagebild zum Besten. Und so siehts aus: Der Absatz von Cannabisprodukten ist in der Stadt steil angestiegen. Folge der offenen Grenze und der restriktiven Drogenpolitik in Deutschland. In Venlo führt dies zu erheblichen Belästigungen der Einwohner. Öffentliches Urinieren, wildes Parken, Lärm, Klingen auf der Suche nach dem Dope. Herumhängende Schlepper schüchtern ihre Umgebung ein. Betreiber von illegalen Coffeeshops lassen ihre Häuser verfallen. Organisiertes Verbrechen verfestigt sich.

Mit ihrem Hektor geht die Stadt dagegen an: Etwa durch die Wiedereroberung des öffentlichen Raums, dadurch dass jegliche Belästigung unterbunden wird. Wer an der Ecke rumsteht, wird gefilzt und darf vielleicht mitkommen. Wer wild parkt, kommt an die Kralle. Wer durch die Gegend pullert, muß löhnen. "Low-tolerance-Politik" nennen sie das.

Oder mithilfe eines runden Tisches von Stadtverwaltung, Polizei, Justiz, Finanzamt, Steuer- und Zollfahndung. Diese Institutionen nehmen die Strukturen des illegalen Vertickens aufs Korn und entdecken Möglichkeiten, den Hintermännern das Leben schwer zu machen. Vielleicht kann ein illegaler Coffeeshop wegen Baumängeln endgültig ausgehoben werden, Betreten verboten wegen Einsturzgefahr. Vielleicht kann man den Hausbesitzer, wie einst Al Capone, wegen Steuerunregelmäßigkeiten drankriegen. Vielleicht haben die Betreiber des Shops was nützliches zu verbergen.

Erfolge haben sich schon eingestellt: Polizeiliche Ermittler stellten binnen acht Monaten 115 Kilogramm Cannabis sicher und beschlagnahmten anderthalb Millionen Gulden. Die Straßenstreifen überstellten 255 Personen dem Schnellrichter, sie beschlagnahmten 161 Kilogramm Cannabis. Zudem wurden 33 Wohnungen und neun Gaststätten behördlich geschlossen.

"Unsere Absicht ist, alle nicht genehmigten Verkaufsstellen zu schließen", lässt Elke Haanraadts keinen Zweifel. Was dann bedeuten würde, dass es nur wenige legale Coffeshops in der Stadt gäbe. Wie die 'Oase' in der Nähe des Marktplatzes. Da hängen jetzt Andreas und Gerd aus Essen schon leidlich bemützt herum. Während hinter dem Tresen des Ladens der Dealer zur Hochform aufläuft. "Mach schnell, hinter Dir sind auch noch Leute", weist er auf die Käuferschlange hin, die beinahe bis zur Eingangstür reicht. Maximal fünf Gramm Harz oder Gras dürfen hier, behördlich geduldet, pro Person erworben werden. So emsig wie die Markthändler nebenan ihre Käsestücke, wiegt und verpackt unser Mann seinen Stoff im Akkord. Und wer auch immer daran verdient, sie scheffeln nicht schlecht. In 40 Minuten lassen sich 54 Leute ihre Plastiktütchen füllen. Geschätzter Umsatz: 1800 Euro.

Im alteingesessenen Rastaladen an der Grenze der Shoppingmeile geht es gemütlicher zu. Der jahwe-gläubige Shopowner zeigt an der Wand eine Bilderserie seiner kleinen Tochter und hat Venlos neue Drogenpolitik schon seit Jahrzehnten vorweggenommen: "Nehmt Rücksicht auf die Nachbarn", ist auf einem verstaubten Schild zu lesen, "Aggression ist nicht erlaubt". Im Rastaladen kriegt nur der zu rauchen, der zuvor Kaffee oder Milkshake trinkt und der Ruhe pflegen will. Die Sprache verrät, dass es wohl viele Niederländer sind. Laufkundschaft ist hier Samstag Nachmittag nicht zu beobachten.

Sofern die Schnelleinkäufer demnächst per Auto nach Venlo anreisen, führt die Gemeinde sie raus aufs platte Land. Am Stadtrand wird Venlo zwei Coffeeshops genehmigen - McDopes, die gewährleisten sollen, dass Cannabiskonsumenten nicht mehr in die Innenstadt einfallen. Im Frühjahr wird sich zeigen, ob das Konzept verfängt.

 
   


   
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