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Wer zur Hölle ist Thomas Meiser?

 

 

 

 

"Gott ist geil" - Locker abhängen mit Big Daddy

   
Die Jesus Freaks halten sich für Kinder Gottes und schwören auf die heilige Schrift. Auch im Ruhrgebiet feiern die jungen Leute ihren Glauben mit starken Sprüchen. Eine Erweckungsgeschichte.
Na dann: Amen!
 
Wahrlich, ich sage Euch! Ist doch die Duisburger Altstadt ein Hort der Armseligen und Entrechteten. Eine todgeweihte Stätte etwa ist der Singspiel-Tempel der Miserablen mitsamt seinem teuren Parkhaus. Und eine verrufene Stätte sowieso ist das nebenan gelegene Puffviertel.

Aber nicht weit von diesen Sündenpfuhlen lauert auch die Gnade Gottes: So wie vor zweitausend Jahren die ersten Christen Roms in Richtung Fisch nach untertage strebten, so bietet sich auch heute eine Katakombe in der Altstadt rechtschaffenen Christenmenschen an. In dieser Katakombe grinst der Schweinepriester scheinheilig vor sich hin. Ein kleiner rundlicher Herr. In schwarzem Ornat mit Bäffchen. Der Inbegriff des Pfaffen ist jedoch kein echter Gottesmann. Die jungen Christen, die sich in dem dunklen Raum zu versammeln pflegen, haben die grinsende Plastikfigur zum Spendensammeln verdonnert. Der Schweinepriester hält im Vereinslokal der Duisburger Jesus Freaks für sie den Klingelbeutel.

Sonst hat der Laden nix sakrales. Die ebenerdig gelegene Katakombe wirkt wie eine Teestube mit psychedelischem Setting. Ihr schwarze Tarnnetz-Himmel ist mit einer Kette grüner Leuchtdioden drapiert. Barhocker mit schmiedeeisernen Beinen stehen an der Theke und an den paar Wandtischen. An der Wand der kleinen Bühne, neben dem Elektrodrart, hat ein Sprayer ein grünes Männergesicht mit Nasenring hinterlassen. Daneben eine Ikone aus der guten, alten Hippiezeit: Vorderansicht der rechten Faust mit nach oben gestrecktem Zeigefinger - das Symbol der Jesus People.

An diesem frühen Freitagabend ist der Kicker schon mit zweimal zwei besetzt. Nico (28) macht heute abend den Mann hinter der Theke, an der es statt Bier nur Eis und Softdrinks gibt. Der Sozialhilfeempfänger mit den hinter die Ohren gelegten Rastalocken hat sich heute den Soundtrack von Detlef Bucks Karniggels-Film zugelegt. "Für drei Mark auf dem Ramsch, ein echtes Schnäppchen", freut er sich und schiebt die Scheibe rein. Die namenlose Combo hinter den Boxen hat den Blues. Doch Nico steht eher auf die harte Kost mit der geballten Ladung Hoffnungsschimmer. Auf 'The Absorbed' etwa. Deren Ding ist nichts geringeres als Christian Hardcore.

Das bootleg der in Gott vertieften Punks ist Kult in der Katakombe."God, your are so wonderful, I cannot show your holyness", schreit der Leadsänger. Etwa so, wie die frühen 'Slime' seinerzeit "Polizei, SA, SS" gegröhlt haben. Conny (30) aus Kempen sitzt dieweil in einer Art Chill-Out- Raum nebenan auf dem Lederpolster einer ehemaligen Couch. Angetan mit einer dieser schwarzen Flokatijäckchen und der bunten Hose verkörpert sie den Kleidungsstil der Retro-Hippies. Jenseits des Lebens in der Gemeinde von rund zwei Dutzend Freaks im Ruhrgebiet arbeitet sie als Erzieherin im Mülheimer Jugendamt. In der Katakombe ist sie eine der Leiterinnen der Gruppe.

Vor Jahr und Tag hatte die junge Frau ihre Offenbarung auf dem Gipfel eines Schweizer Berges, "ein Aha-Erlebnis, daß mir bewies, daß es Gott gibt und daß er mich liebt". Conny spricht auch von ihrer Jugend. Davon daß sie sich in der zu Schulzeiten in Sachen Umweltschutz engagierte. Davon daß sie schon immer gern geholfen hat. Und immer schimmert durch, daß das Ding mit Gott schon immer ihres war. Nur daß sie in der Vergangenheit mit ihrer Gottesschau bei anderen Gläubigen nicht gut aufgehoben schien. Aufgrund des Wissens ihrer Offenbarung fühlt sie sich aber allzeit gut behütet und auch zur Kritik berufen. "Die Sprache der Kirche ist nicht meine Sprache, Kirche ist ein Rentnergetto", spricht Conny, "so erleben wir Jesus Freaks das."

Tatsächlich bemühen sich die etwa zweitausend deutschen Jesus Freaks um einen ausgesprochen jugendlichen Duktus. Für die höchtens Mitte dreissig Jahre alten Leute gibt es "nix spannenderes, als für den Captain des Universums zu leben". Denn der "abgefahrene Gott hat Bock darauf, Dein Leben zu revolutionieren". Zumal "man seine Scheiße bei ihm abladen kann". Zu diesem Behufe werden bei Null-Acht-Fuffzehn-Christen Kulte wie Gebet und Gottesdienst gepflegt. Jesusfreaks geben sich vierzehntägig, thank god, it's friday, ihren "Abhängabend mit Big Daddy". Andy (30), Connys Mann, dürfte dann mal wieder sein Longsleeve-T-Shirt mit der Rückenaufschrift 'Jesus Terror Force' tragen. Oder der Erzieher drapiert sich, weil jetzt Sommer wird, mit einem kurzärmeligen Spruch: 'Macht kaputt, was euch kaputt macht: Sünde!'

Der Ex-Punk kam zu den Jesus Freaks, weil ihm die Kirche Ärger machte. Auf der Suche nach Gott und einem Ort der Geborgenheit mußte er sich von konventionellen Brüder und Schwestern sagen lassen: Zieh' dich ordentlich an! Hör' gefällige Musik! Aber dann ist er zu einem Abhängabend nach Hamburg gefahren und hat seinen Glauben gefunden. In der Hansestadt wurde die schräge Lehre von den Jesus Freaks erstmals vor acht Jahren verkündet. Ihr Stifter ist Martin (33). Der abgebrochene Theologiestudent glaubt, "daß Gott die Jesus Freaks berufen hat, schrill und laut zu sein". Also veranstaltet er mit den Seinen schon mal ein Spektakel in seiner großen Gemeinde. In Leichenträgerkostümen ließ er seine Jünger einen Sarg tragen, sprang im Lendenschurz aus dem Sarg und predigte die Auferstehung Christi.

Jenseits der Pose schwört der selbsternannte Pastor auf die fundamentalistische Bibelauslegung. Die Irrtumslosigkeit der Bibel ist grundlegend für die ansonsten lockeren Freaks. In seinen Predigten wendet sich der hünenhafte Martin energisch gegen die "von Gott nicht gewollte Abtreibung und Sexualität". Von Bayreuth bis Duisburg neigen die autonom verfassten Jesus Freak-Gruppen zu diesen Glaubenssätzen. Das warm up für den Abhängabend heute zelebriert Conny auf der kleinen Bühne mit ihrer Sister- Freax-Kapelle. In Sachen Gott-ist-groß spaced der Katakomben-Club bald mächtig ab. Sodann gibt headliner Andy seine Predigt kund und zu wissen. Alles kann, nichts muß: "Ich erzähl' meistens was aus meinem Leben mit Jesus", erläutert Ex-Punk Andy, ", jeder kann seine Erfahrungen beisteuern, wir singen dann auch."

Zwei Dutzend unterschiedlich bunte Leute, die meisten aus dem Pott, stehen auf das Ritual des Abhängabends, das durchaus in Getanze enden kann. Die Sonderschullehrerin Katarina (28) etwa. Oder Benny (16), der früher eher dem Okkulten frönte und die Katakombe erstmal mit umgedrehtem Kreuz betreten hat. Mittlerweile baumelt das Zeichen des Erlösers richtigherum und gottgefällig um Bennys Hals. "Gerade derartige Bekehrungen kommen bei uns häufig vor", sagt Andy. Was durchaus kein Wunder ist: Denn die warmherzige Betreuung der jungen Interessenten, die hier mal reinschneien und die coole Pose begünstigen diesen Weg des Menschenfischens.

Und fühlt sich denn ein Gläubiger zu Gott berufen, spenden Andy und Conny auch gern das Sakrament der Taufe. Aber zuvor fühlen die beiden Prediger den Bewerbern ernsthaft auf den Zahn, schließlich vermittelt dieses Wasserspiel die Gnade Gottes. Das jüngste dieser hohen Feste begab sich letzten Her bst. Damals versammelten sich alle Jesus Freaks mit Picknickkorb und Gettoblaster an der Duisburger Sechs-Seen-Platte.

"Begleitet von zwei Paten haben wir dann Katarina einfach komplett untergegluckert", erinnert sich Conny, "im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes".

 
   


   
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