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Wer zur Hölle ist Thomas Meiser?

 

 

 

 

Mythen des Alltags: Der Sex-Parkplatz

   
Täglich treffen sich in Gelsenkirchen Hunderte junger Menschen auf einem megagroßen Parkplatz. Viele wollen nur das eine: Schnellen Sex. Eine Mythengeschichte.
Sex beim Parken
 
Wer glauben mag, dass Namen Zeichen sind, der weiß schon bei der Anfahrt: Hier werde ich bald richtig liegen! Denn immerhin wurde gerade die Einfahrt zu einem Gässchen namens 'Hirschwinkel' flugs passiert. Und für den Zielort, wo sie nachher eine ganze Nacht lang den Brunftschrei durch den Druck aufs Gaspedal ersetzen dürften, da muss doch zwingend eine Plakatwand mit dem Slogan 'Liebe Deine Füße!' ein gutes Omen sein.

Aber um kurz vor zehn Uhr abends stockt der Verkehr schon bei der Anfahrt zum Parkplatz des Gelsenkirchener Ruhrzoos, hier ist jetzt erstmals Stoßverkehr. Zur blauen Stunde, wird das Areal, besetzt von etwa hundert Autos, richtig voll. Ein Corsa ist massiv bemüht, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Mit ungelogen siebzig Stuckies brettert die Kiste übern Platz und quetscht sich durch die Kurven. Nach drei, vier Platzrnden schleudert sich der käppibemützte Fahrer in eine Parkbucht, blinzelt mit dem Standlicht und setzt sich breitbeinig auf den Kühler. Folgt in diesem großen Kreise wahrhaftig auf wildes Stochen genauso ungezähmtes Stochern?

Auch diesem Jungmann dräut verheißungsvoll ein Vorzeichen von gegenüber: Auf einem blauen LKW prangt die Inschrift 'Decksysteme für die Zukunft'. Gleich neben dem Sattelschlepper wandelt der Strohwitwer aus Gevelsberg vielsagend äugend schon ein Viertelstündchen auf und ab. Auch dieser ersichtlich in die Jahre gekommene Mann weiß genau, was er hier will; "hier soll's doch richtg abgehen, so auf der Rückbank, das hör' ich von überall her". Selbst zwischen Schwelm und Hagen also raunen sich die Männer beim Kegelabend hoffnungsfroh den Alltagsmythos vom Gelsenkirchener Sexparkplatz zu. Wenngleich es vor Ort für den Gevelsberger problematisch wird: "Wo sind denn hier eigentlich die Frauen?", fragt er seine Parknachbarn.

"Ich wohne eher so ländlich-sittlich, dafür hab' ich jetzt noch keinen Blick." Hilfsweise pflegt man dann ein weiteres Thema, dass des Mannes ist. "Früher hatte ich nen 280er mit Doppelvergaser", erzählt der Gevelsberger und tätschelt das Dach seiner japanischen Familienkutsche, "aber der hat nur geschluckt und geschluckt". Zum Thema Auto-Auto- über-alles können auch zwei Bauernburschen aus Steinfurt glänzen. Die beiden haben ihren VW-Bulli mit einem Matrazenlager zum Schlafwagen umgerüstet, regelmäßig schicken sie ihre Kontaktansinnen per CB-Funk über den Äther. Doch bei ihrer Mobilsstation meldet sich nur ein Teenager aus Schalke-Nord, der ab Mitternacht das Haus nicht mehr verlassen darf. Also staunen die westfalian rednecks über den Porschefahrer aus dem Hippeland. "Warum steht diese Syltfresse jetzt schon mehr als zwei Stunden neben seinem 911er?", fragen sich die Jungs, die beabsichtigen, hier zu übernachten, "eagl, ob hier was passiert.

Was hier zunächst stundenlang passiert, ist Sich-im-Kreis- rumdrehen. Ein paar hundert Meter ist der legendäre Parkplatz lang, das Areal ist hinten dunkler, vorne heller, es stehen Platanen in der Mitte, zweispurig kann umfahren werden. Wer steht, der wird gesehen, und der kann Autos spannen. Ein Irrer hat sein schneeweißes Cabrio mit einer Unterboden-Beleuchtung versehen, blau schimmert diffuses Licht zwischen Piste und Autoboden. Andere Verrückte haben farbige Zusatzleuchten vorn in ihre Scheinwerfer geklinkt, in rot, blau, grün und gelb. Gern setzt man Baßbooster zur Untersützung des Soundsystemes ein. Wessen Schlitten nicht bis an die Kante tiefergelegt ist, der fällt hier sofort negativ auf. Wer keine Alufelgen aufzog, hat ohnehin verschissen. Und wer gern dumm und wild rumbrettert, kriegt was er verdient, er hat den Schaden.

Wie die Unfallbeteiligten in der ersten Samstagstunde: Literweise sickert dunkle Flüssigkeit aus dem Motorraum eines zu Schrott gewordenen Transits auf den Asphalt. Der Großraum-Wagen wurde von einem PKW von hart links angerammt, der Fahrer ist schon auf dem Weg ins Krankenhaus. Verdacht auf Wirbelsäulenverletzung. Neben dem Bremspedal des neunsitzigen Transporters liegt jetzt nur noch eine einzelne Sandale, für zwei Fahrzeugführer endete heute der Traum vom lockeren Stochen mit dem totalen Autobumms. Endstation Totalschaden. Aber das Brettern, Schleudern und Kurven geht weiter, schließlich ist die Nacht noch jung. "Habt Ihr immer noch nicht die Schnauze voll?", schreit einer, der mit seiner Clique schwätzt.

Plötzlich schleicht ein dunkler Twingo an der Gruppe der Autos durchhechelnden Fachsimpel vorbei, und was darin am Steuer sitzt, ist blond und solo. Die Twingofrau fährt jetzt eine behäbige Platzrunde. Insgesamt eine ziemlich unauffällige Szene, die jedoch sofort zu hektischen Aktivitäten führt: Fingerzeige werden geworfen, viele Jungs stürzen sich ans Steuer und nehmen die Verfolgung auf, Stoßstange an Stoßstange schleicht die Prozession den Parkplatz hoch und auf der Gegengeraden zurück. Sodann parkt der blonde Engel gut beleuchtet unter einer dieser Natriumdampf-Lampen, kurbelt das Fenster runter und steckt sich erst mal lässig eine an. Der mutigste Verfolger parkt links neben dem lockenden Fahrzeug ein, mit den Händen an den Taschen nähert sich der Fahrer dem Vorderfenster, aber er wird nur geneckt. Denn der Twingo macht sich vom Acker, Mama Twingo hat heute ihren Spaß gehabt.

Das Wesen mit den Schlafzimmerauto-Augen gilt den Veteranen auf dem Parkplatz als gut bekannt. Blondie aus der Gelsenkirchener Manta-Clique etwa weiß genau: "Die Mama Twingo is' ne Transe, die hat noch nie einen rangelassen, wenn überhaupt, dann blästse nur." Blondie dürfte das beurteilen können. Denn seit Jahren begibt sie sich mit ihren Kumpels täglich zu diesem Parkplatz und klönt bei Kaffee die Nächte durch. Dann bauen die Jungs ihre Liegestühle mit den braunen Kunstleder-Kissen neben ihren Autos auf und machen es sich so richtig gemütlich. Manchmal wird sogar ein durchwachsenes Rippchen auf den Grill geworfen. Und dann erinnern sich die durchaus nicht nur Autos verehrenden Twens an die guten alten Zeiten, als das Nachtleben der Mantafahrer hier am Zoo noch heißere Reize als den Grillabend kannte.

Damals kam regelmäßig die "feuchte Omma" (Blondie) vorbei. "Der Typ von der hat die angestrahlt, ausgezogen, vorne aufs Auto gelegt, und jeder, der Bock hatte, durfte an der rumpacken und sich dabei einen abwichsen", schildert ein Mantamann die glorreiche Vergangenheit, "und dann hat der Typ mit einem Kleenex alles von der Frau aufgewischt". Der Vortrag bewegt einen Pickup-Fahrer zu einem Seufzer. "Das einzige, was jetzt noch geil aussieht, sind Autos wie meins", sagt der Mann und läßt dem Blick darüber schweifen. 43 0000 Mark hat er sich seinen mit züngelnden Flammen handlackierten, blau-schwarzen Pickup kosten lassen. Ein überaus praktisches Fahrzeug: Zwei Sitzplätze für Zwerge, mehr als eine Tonne zulässige Zuladung passen auf die leere, abgedeckte Ladefläche. Trotz des stolzen Autos ist der kurzgewachsene junge Mann neidisch auf frühere Bekannte, "und zwar die alten Holländer, die damals regelmäßig kamen, die kannten 15 dunkle Parkplätze in der Nähe, wo alles mögliche abgehen soll, soviele kenn' ich selbst als gebürtiger Gelsenkirchener nich'".

Aber das Loch kennt der Pickup-Pico ganz gut. Der so benannte unbeleuchtete Parkplatz ist fünf Autominuten vom Raserareal entfernt. Ihm nähert man sich "am besten mit Ständerlicht", so sagen die Erfahrenen am Zoo. Oft findet sich am frühen Morgen die Altenpflegerin ein und parkt mit dem und wem. Die junge Frau fährt einen kleinen Italiener und lebt nachts im Loch, in Swingerclubs und sonstwo, ihr frivoles Doppelleben. Zu Stunde hat sie einen autolosen Typ dabei, verlegen schweigt er auf dem Beifahrersitz. "Der Kleine hat mir auf eine Kontaktanzeige geantwort", erläutert die Altenpflegerin kokett, "nun führe ich meinen Zögling in die Kunst der Liebe ein, gleich fahren wir in einen Club, denn der Kleine ist mir viel zu schade, um im Lock verheizt zu werden.

Im Morgengrauen ist heute nicht viel los im Loch, die paar Wagen, die des Nachts der Dinge harrten, haben sich schon längst verdünnisiert. Nur die Altenpflegerin hält mit dem gerade angekommenen Rollifahrer einen unverbindlichen Schnack, die beiden kennen einander schon seit Jahren. Die Leidenschaft des Rollifahres besteht darin, Sexparkplätze rund um den Ruhrzoo aufzusuchen. Immer wenn es dunkel ist, macht sich der Mann von Herten aus mit seinem Elektro- Rollstuhl auf den Weg. "Mit einer Akkuladung kann ich 100 Kilometer düsen", spricht der Mann, der früher Biker war, "aber ein Unfall hat mich querschnittsgelähmt und dazu noch ein Bein gekostet." Nunmehr ersetzt dem Rollifahrer sein vierrädriges Elektromobil das Bike, hingebungsvoll hat er es für seine Nachtausritte ausstatten lassen.

Der Sitz ist zum Liegesitz verstellbar, Handy und Videokamera sind am Cockpit installiert, statt eines Fuchsschwanzes baumeln an der Antenne ein BH, Geschenk der Altenpflegerin, sowie ein Damenslip. Gern umschleicht der Rollifahrer Autos, während sich Paare gerade darin tummeln. "Weil der E-Motor fast geräuschlos ist, hören die mich kaum", versichert er, "außerdem kennen mich viele hier, manchmal reicht mir auch jemand 'ne Hand raus." Mittlerweile hat sich ein Benzpilot dazu gesellt, natürlich kennt die Altenpflegerin den Mann schon lange. "Na, wie geht's, Doktor Muschi-Gucki?" wird er flott von ihr begrüßt.

"Drüben am Zoo sind ja nur Chaoten und Raser, da kann ich nich' drauf", flucht Doktor Muschi-Gucki und guckt auf seine Rolex, "da fahr' ich doch besser gleich zum Silbersee parken." Ob er um halb sechs morgens dort noch irgendwas zu packen kriegt?

 
   


   
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