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Box´ Dich nach oben

   
Der Duisburger Ahmet Öner will endlich reich und berühmt werden. Als Student der Wirtschaftswissenschaften hat der 27jährige sein großes Ziel nicht packen können. Jetzt ist er Berufsboxer und lauert auf die große Chance. Eine Erfolgsgeschichte
Vorgeblich WiWi-Studie
 
Universitätsbibliothek Duisburg, Lotharstraße. Vierter Stock. Konzentrierte Stille allenthalben. Nur scheint es so, als säße hier ein Typ zur falschen Zeit am falschen Ort. Ein kleiner Mann mit Rapperbart. Koteletten bis zum Ohrläppchen. Deutlich keine dreißig. Zu elegant für einen Studi, zu dick aufgetragen für höheres Hochschulpersonal. Der Kleine trägt einen sauteuren, langen Wollmantel über seinem Anzug, er schaut sich sichernd, aber ziemlich lässig um. Und er hält in seiner Linken zwischen Daumen, Zeige- und Mittelfinger eines der bedeutenderen unter diesen Mikrohandys. Es scheint sogar, als hätte dieser kleine Mann seinen persönlichen Sichherheitsberater dabei.

Der ist genauso klein, nur jünger, bewegt sich raumgreifend und deckt auffällig den Raum des anderen. Der Jüngere trägt eine dieser grottencoolen Kunstlederjacken und drapiert auch ein Mikrohandy an sich. Zur Abwechslung mal in der Rechten. "Der ist aber nur mein Bruder", erklärt Ahmet Öner diesen Gemeinschaftsauftritt, "der fährt mich immer zu meinen Terminen, denn ich hab’ keinen Führerschein mehr." Hier, im Bücherfundus der Wirtschaftswissenschaftler, hat der 27jährige Ahmet Öner knapp zwei Jahre seines letzten Lebens verbracht. Aber dieses Leben ist Vergangenheit. "Damals hab’ ich mich für Steuerrecht eingeschrieben", erzählt der Duisburger wie gut einstudiert, "ich bin halt immer ziemlich fleißig." Zuvor baute der gebürtige Bocholter sein Abitur auf dem zweiten Bildungsweg.

Nach einer abgebrochenen Thyssenlehre. Schon damals hat er für die Amateure des Traditionsvereins Hamborn 07 geboxt. Zu dieser Zeit noch war Ahmet Öner richtig fett, mit seinen 110 Kilogramm ging er nur als Superschwergewichtler durch. Leidlich erfahren zwar, jedoch nicht gerade austrainiert. Doch schlagartig traf den kleinen Dicken dann die Erkenntnis: "Das Leben ist ein Wettbewerb", sagte er sich, "und meine Antriebskraft, die ist das Geld." Obschon der Boxsport mit Henry Maskes Abgang zu dieser Zeit angezählt am Boden lag, entschloß sich Öner zu einer professionellen Box-Laufbahn. Und er ließ sich in die Riege des Boxpromoters Sauerland einspannen. Die harten, alten Männer aus Dunkeldeutschland haben den Duisburger dann richtig auf Vordermann gebracht. In einem acht Monate währenden Kraftakt speckte sich der Hoffnungsträger auf sein Kampfgewicht von knapp 70 Kilogramm ab. In der Folge gewann der Newcomer im Halbmittelgewicht in neun Monaten des letzten Jahres fünf Kämpfe.

In der Schwarzweiß-Dramaturgie des Boxsports wird er auf ewig den Guten geben. Und erstmals erschließt der Berufsboxer Ahmet Öner in großem Maß die Zielgruppe der türkischen Fans. Ein rauhes Lüftchen herrschte schon damals. Drinnen wie draußen. Ende Oktober brist rund um die Düsseldorfer Philipshalle der letzte große Herbststurm mächtig auf. Eine verdammt lange Nacht wird das wohl werden. Für Ahmet Öner und alle, die mit ihm anläßlich dieses "internationalen Berufsboxkampftages" versammelt sind. Die meisten wird wohl interessieren, daß Sven Ottke nach Punkten gegen Charles Brewer gewinnt. Doch eine Gruppe von etwa 1000 jungen Türken in der nicht ausverkauften Philipshalle setzt ihr Interesse auf Ahmet Öners Kampf. Der kämpft jetzt gegen den in Bielefeld lebenden Mazodonier Orhan Ajvazoski - ein Brecher, der schon in Iran, Algerien, Slowakien und Speyer siegte. Gleichwohl ist überall zu hören: "Gegen den hat Ahmet eine fünzigprozentige Chance." Tatsächlich führt kurz vor zehn Uhr abends Ahmet Öners Fight zu einem guten Ende. In seinem sechsten Kampf als Profi schmiert der Duisburger zwar vordergründig blutig ab. Mit Nasenbluten und nach zwei Niederschlägen geht er in der fünften Runde technisch KO.

Trotzdem ist diese Niederlage der bisherige Höhepunkt in Öners Boxkarriere. Denn sein Erfolg des Abends ist, daß ihm sein Gegner die Revanche zusagt. Und daß viereinhalb Millionen Fernsehzuschauer ein paar Szenen seines Kampfes sehen durften. Also trainiert Ahmet Öner weiterhin professionell im Hinterland von Duisburg-Neumühl. Ein Gönner, Spielzeugfabrikant, hat dem ehrgeizigen Aufsteiger in seinem Lager einen Trainingsraum eingerichtet. Vorbei an tausend Plastikpuppen und billigen Taucherbrillen gelangt man in den dritten Stock zu Ömers privatem Ring. Rechts hinten hängt ein schwarzer Sandsack, Heizkörper strahlen unverblendet von den Wänden, über allem Neonlicht. Die trüb anmutende Trainingsstätte verkauft der Halbmittelge- wichtler "als mein eigenes, unkommerzielles Gym, sobald ich ein großer Champ geworden bin, sollen da die Leute hinkommen und sehen, wie alles anfing". Vor allem aber liegt dem Champ in spe alles an seinen treuesten Fans. "Die Türken sind ein Machovolk, ich baue auf meine Landsleute, meine Landsleute bauen auf mich". Den Türken hierzulande ist es nämlich allemal egal, daß in Türkei der Boxsport verboten ist.

Ihrem Kumpel, Ahmet Öner, Held des Duisburger Nordens, jubeln sie nicht nur in Almanya zu. Erklärtes sportpolitisches Ziel des gewieften Profis ist es gar, in der Türkei das Profiboxen zu gestatten. "Darüber müßt’ ich mal mit dem Ministerpräsidenten reden", sinniert Öner auf seinen Eigennutz, "schließlich sind auch die Ringerchamps bei uns zu Hause die Superstars." Diesen Status hat Ahmet Ömer ganz zweifellos im Eray-Center. Die ehemalige Gewerbehalle in einer gottverlassenen Ecke Duisburgs beherbergte früher eine dieser Kart-Bahnen. Jetzt ist für das selbsternannte "Event-Center" am Konrad-Adenauer-Ring, dem ein Heiratsalon angeschlossen ist, Boxsport in üblicher Redlichkeit angesagter. Also verbaut ein halbes Dutzend Rausschmeißer an diesem "großen Kampftag der Berufsboxer" erst mal den zentralen Halleneingang und filzt die Eintretenden.

Die großgewachsenen Herren sind übrigens schwer elegant gekleidet, in dunklen Anzügen und langen Wollmänteln. Im "Event-Center" ist Ömers PR-Manager Michael Bolten guter Dinge, bedauert jedoch milde, "daß es zu den erwarteten 2000 Zuschauern wohl nicht ganz gereicht hat". Ob es wohl daran liegt, daß die Revanche zwischen Orhan Ajvazoski und Ahmet Öner heute nur von Medienpartnern der Gewichtsklasse ‘Wochenanzeiger’ gesponsort wird? Oder ist es eine Frage der Knete? Ringkarten für diesen Abend mit sechs Kämpfen kosten immerhin 400 Mark. Wie üblich geht es im Hauptkampf um die internationale deutsche Meisterschaft im Halbmittelgewicht. Diskantierend macht der Ringsprecher darauf aufmerksam: "Wir präsentieren live". Dosennebel verwabert sich in die Ringecken.

Ahmet Öner ist gekleidet wie ein Weihnachtsmann, der ein Minikleid trägt, seinen roten Kapuzenkittel säumt ein rot- weiße Bordüre. Getragenen Schrittes beschreitet er den roten Teppich zum Ring. Irgendwelche Gründe machen es notwendig, daß er von zwei kurzgeschorenen Anzugträgern mit Gel im Haar und Knopf im Ohr eskortiert wird. "Deeehhhhrr Faajerrstarrrterrrr!", krakeelt jetzt der Ringsprecher, der über die Lautsprecher ausgesandte Schalldruck erreicht spielend die Schmerzgrenze. Orhan Ajvazoski, der Mazedonier aus Bielefeld, hält sich bereit. Der Kampf wird eröffnet, der Mazedonier ist lustlos, läßt sich anhauen, geht in die Seile, die erste Runde geht an Öner. "Ein interessanter Kampf bahnt sich an", tönt der Moderator, der schließlich Luft für zehn Runden haben muß, "zwei völlig unterschiedliche Kampfstile sorgen für Superspannung." Aber nach der ersten Minute der zweiten Runde wird der Kampf abgebrochen, urplötzlich diagnostiziert der Schiedsrichter dem Titelverteidiger Ajvazoski eine Schulterverletzung. Technischer KO ist die Folge. "Schiebung, Schiebung" wird gerufen.

Ahmet Öner ist endlich internationaler Meister im Halbmittelgewicht, freut sich über Siegeskranz und Bauchbinde. Im Februar bestreitet der Duisburger Champ einen mindestens genauso seriösen Kampf im New Yorker Madison Square Garden.

 
   


   
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