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Duisburg, Lotharstraße. Vierter Stock. Konzentrierte Stille
allenthalben. Nur scheint es so, als säße hier ein Typ
zur falschen Zeit am falschen Ort. Ein kleiner Mann mit Rapperbart.
Koteletten bis zum Ohrläppchen. Deutlich keine dreißig.
Zu elegant für einen Studi, zu dick aufgetragen für höheres
Hochschulpersonal. Der Kleine trägt einen sauteuren, langen Wollmantel
über seinem Anzug, er schaut sich sichernd, aber ziemlich lässig
um. Und er hält in seiner Linken zwischen Daumen, Zeige- und
Mittelfinger eines der bedeutenderen unter diesen Mikrohandys. Es
scheint sogar, als hätte dieser kleine Mann seinen persönlichen
Sichherheitsberater dabei.
Der ist genauso klein, nur jünger, bewegt sich raumgreifend
und deckt auffällig den Raum des anderen. Der Jüngere
trägt eine dieser grottencoolen Kunstlederjacken und drapiert
auch ein Mikrohandy an sich. Zur Abwechslung mal in der Rechten.
"Der ist aber nur mein Bruder", erklärt Ahmet Öner
diesen Gemeinschaftsauftritt, "der fährt mich immer zu
meinen Terminen, denn ich hab keinen Führerschein mehr."
Hier, im Bücherfundus der Wirtschaftswissenschaftler, hat der
27jährige Ahmet Öner knapp zwei Jahre seines letzten Lebens
verbracht. Aber dieses Leben ist Vergangenheit. "Damals hab
ich mich für Steuerrecht eingeschrieben", erzählt
der Duisburger wie gut einstudiert, "ich bin halt immer ziemlich
fleißig." Zuvor baute der gebürtige Bocholter sein
Abitur auf dem zweiten Bildungsweg.
Nach einer abgebrochenen Thyssenlehre. Schon damals hat er für
die Amateure des Traditionsvereins Hamborn 07 geboxt. Zu dieser
Zeit noch war Ahmet Öner richtig fett, mit seinen 110 Kilogramm
ging er nur als Superschwergewichtler durch. Leidlich erfahren zwar,
jedoch nicht gerade austrainiert. Doch schlagartig traf den kleinen
Dicken dann die Erkenntnis: "Das Leben ist ein Wettbewerb",
sagte er sich, "und meine Antriebskraft, die ist das Geld."
Obschon der Boxsport mit Henry Maskes Abgang zu dieser Zeit angezählt
am Boden lag, entschloß sich Öner zu einer professionellen
Box-Laufbahn. Und er ließ sich in die Riege des Boxpromoters
Sauerland einspannen. Die harten, alten Männer aus Dunkeldeutschland
haben den Duisburger dann richtig auf Vordermann gebracht. In einem
acht Monate währenden Kraftakt speckte sich der Hoffnungsträger
auf sein Kampfgewicht von knapp 70 Kilogramm ab. In der Folge gewann
der Newcomer im Halbmittelgewicht in neun Monaten des letzten Jahres
fünf Kämpfe.
In der Schwarzweiß-Dramaturgie des Boxsports wird er auf
ewig den Guten geben. Und erstmals erschließt der Berufsboxer
Ahmet Öner in großem Maß die Zielgruppe der türkischen
Fans. Ein rauhes Lüftchen herrschte schon damals. Drinnen wie
draußen. Ende Oktober brist rund um die Düsseldorfer
Philipshalle der letzte große Herbststurm mächtig auf.
Eine verdammt lange Nacht wird das wohl werden. Für Ahmet Öner
und alle, die mit ihm anläßlich dieses "internationalen
Berufsboxkampftages" versammelt sind. Die meisten wird wohl
interessieren, daß Sven Ottke nach Punkten gegen Charles Brewer
gewinnt. Doch eine Gruppe von etwa 1000 jungen Türken in der
nicht ausverkauften Philipshalle setzt ihr Interesse auf Ahmet Öners
Kampf. Der kämpft jetzt gegen den in Bielefeld lebenden Mazodonier
Orhan Ajvazoski - ein Brecher, der schon in Iran, Algerien, Slowakien
und Speyer siegte. Gleichwohl ist überall zu hören: "Gegen
den hat Ahmet eine fünzigprozentige Chance." Tatsächlich
führt kurz vor zehn Uhr abends Ahmet Öners Fight zu einem
guten Ende. In seinem sechsten Kampf als Profi schmiert der Duisburger
zwar vordergründig blutig ab. Mit Nasenbluten und nach zwei
Niederschlägen geht er in der fünften Runde technisch
KO.
Trotzdem ist diese Niederlage der bisherige Höhepunkt in Öners
Boxkarriere. Denn sein Erfolg des Abends ist, daß ihm sein
Gegner die Revanche zusagt. Und daß viereinhalb Millionen
Fernsehzuschauer ein paar Szenen seines Kampfes sehen durften. Also
trainiert Ahmet Öner weiterhin professionell im Hinterland
von Duisburg-Neumühl. Ein Gönner, Spielzeugfabrikant,
hat dem ehrgeizigen Aufsteiger in seinem Lager einen Trainingsraum
eingerichtet. Vorbei an tausend Plastikpuppen und billigen Taucherbrillen
gelangt man in den dritten Stock zu Ömers privatem Ring. Rechts
hinten hängt ein schwarzer Sandsack, Heizkörper strahlen
unverblendet von den Wänden, über allem Neonlicht. Die
trüb anmutende Trainingsstätte verkauft der Halbmittelge-
wichtler "als mein eigenes, unkommerzielles Gym, sobald ich
ein großer Champ geworden bin, sollen da die Leute hinkommen
und sehen, wie alles anfing". Vor allem aber liegt dem Champ
in spe alles an seinen treuesten Fans. "Die Türken sind
ein Machovolk, ich baue auf meine Landsleute, meine Landsleute bauen
auf mich". Den Türken hierzulande ist es nämlich
allemal egal, daß in Türkei der Boxsport verboten ist.
Ihrem Kumpel, Ahmet Öner, Held des Duisburger Nordens, jubeln
sie nicht nur in Almanya zu. Erklärtes sportpolitisches Ziel
des gewieften Profis ist es gar, in der Türkei das Profiboxen
zu gestatten. "Darüber müßt ich mal mit
dem Ministerpräsidenten reden", sinniert Öner auf
seinen Eigennutz, "schließlich sind auch die Ringerchamps
bei uns zu Hause die Superstars." Diesen Status hat Ahmet Ömer
ganz zweifellos im Eray-Center. Die ehemalige Gewerbehalle in einer
gottverlassenen Ecke Duisburgs beherbergte früher eine dieser
Kart-Bahnen. Jetzt ist für das selbsternannte "Event-Center"
am Konrad-Adenauer-Ring, dem ein Heiratsalon angeschlossen ist,
Boxsport in üblicher Redlichkeit angesagter. Also verbaut ein
halbes Dutzend Rausschmeißer an diesem "großen
Kampftag der Berufsboxer" erst mal den zentralen Halleneingang
und filzt die Eintretenden.
Die großgewachsenen Herren sind übrigens schwer elegant
gekleidet, in dunklen Anzügen und langen Wollmänteln.
Im "Event-Center" ist Ömers PR-Manager Michael Bolten
guter Dinge, bedauert jedoch milde, "daß es zu den erwarteten
2000 Zuschauern wohl nicht ganz gereicht hat". Ob es wohl daran
liegt, daß die Revanche zwischen Orhan Ajvazoski und Ahmet
Öner heute nur von Medienpartnern der Gewichtsklasse Wochenanzeiger
gesponsort wird? Oder ist es eine Frage der Knete? Ringkarten für
diesen Abend mit sechs Kämpfen kosten immerhin 400 Mark. Wie
üblich geht es im Hauptkampf um die internationale deutsche
Meisterschaft im Halbmittelgewicht. Diskantierend macht der Ringsprecher
darauf aufmerksam: "Wir präsentieren live". Dosennebel
verwabert sich in die Ringecken.
Ahmet Öner ist gekleidet wie ein Weihnachtsmann, der ein Minikleid
trägt, seinen roten Kapuzenkittel säumt ein rot- weiße
Bordüre. Getragenen Schrittes beschreitet er den roten Teppich
zum Ring. Irgendwelche Gründe machen es notwendig, daß
er von zwei kurzgeschorenen Anzugträgern mit Gel im Haar und
Knopf im Ohr eskortiert wird. "Deeehhhhrr Faajerrstarrrterrrr!",
krakeelt jetzt der Ringsprecher, der über die Lautsprecher
ausgesandte Schalldruck erreicht spielend die Schmerzgrenze. Orhan
Ajvazoski, der Mazedonier aus Bielefeld, hält sich bereit.
Der Kampf wird eröffnet, der Mazedonier ist lustlos, läßt
sich anhauen, geht in die Seile, die erste Runde geht an Öner.
"Ein interessanter Kampf bahnt sich an", tönt der
Moderator, der schließlich Luft für zehn Runden haben
muß, "zwei völlig unterschiedliche Kampfstile sorgen
für Superspannung." Aber nach der ersten Minute der zweiten
Runde wird der Kampf abgebrochen, urplötzlich diagnostiziert
der Schiedsrichter dem Titelverteidiger Ajvazoski eine Schulterverletzung.
Technischer KO ist die Folge. "Schiebung, Schiebung" wird
gerufen.
Ahmet Öner ist endlich internationaler Meister im Halbmittelgewicht,
freut sich über Siegeskranz und Bauchbinde. Im Februar bestreitet
der Duisburger Champ einen mindestens genauso seriösen Kampf
im New Yorker Madison Square Garden.
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