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Wer zur Hölle ist Thomas Meiser?

 

 

 

 

Friede, Freude, Eierball

   
Schon seit Jahren bemühen sich schwerreiche Amis, ihre Lieblingssportart hierzulande breitzutreten. Weil hier ein Absatzmarkt gesehen wird, muß American Football im Land des runden Leders Raum gewinnen. Dabei gilt das Europaliga-Team "Düsseldorf Rheinfire" als wichtigste Rechengröße. Fans aus dem Revier sind allemal dabei.
 
Ein Football-Profi muß verdammt hart im Nehmen sein. Also erträgt Manfred Burgsmüller das tackling der weltberühmten Angreiferin namens Dolly Buster mit nur leicht gequältem Blick. Umstellt von Fotografen herzt die Condomiere den 48jährigen im Düsseldorfer Rheinstadion für einen guten Zweck. Weil der Ex-Borusse und die Pornodiva in dieser Saison bei ‘Düsseldorf Rheinfire’ unterschrieben haben, müssen sie jetzt für ihren Club die Reklametrommel rühren. Denn von den jeweils 30.000 Eintrittskarten für die letzten vier Heimspiele der Saison sollen so viele wie möglich schon im Vorverkauf verscheuert werden.

Für den Proficlub gilt es, ein hohes Niveau zu halten. Zum Saisonauftakt Anfang April hatte ‘Rheinfire’ seine Hütte beinahe voll, 16 zu 13 gewann der Club gegen die ‘Amsterdam Admirals ‘. 1997 kamen im Mittel 20.000 Fans. Andere Clubs der kleinen Europaliga, die nur ein halbes Dutzend Teams umfaßt, bringen es nicht einmal auf zehntausend Zuschauer. Die ‘Barcelona Dragons’ etwa sind völlig in Verschiß. Und bei den ‘England Monarchs’, am Start für den Großraum London, reden sie offiziell von 7.000 Zahlenden. Dreieinhalb Stunden vor dem Düsseldorfer Spiel am Samstag sagen die jungen Fans in der U-Bahn 78 auf dem Weg zum Stadion nachdrücklich oft "Sure" und "Damned". Eine halbe Stunde später beginnt die Party im Areal am Europaplatz. An Heimspiel-Tagen setzt die ‘Rheinfire-Betriebsgesellschaft’, wie in den Staaten üblich, auf den vollen Spaß:

Zum Kräftemessen der Fans in den Muskel-T-Shirts haben sie einen elektrischen Bullen aufgebaut. Eine andere Maschine spuckt Eibälle und bringt deren Fänger ins Schwitzen. Vorn am Zaun jagen Nachwuchs-Schumis ihre Gocarts über die Runden. Sportlabels preisen die angesagten Klamotten an. Überall Bierstände und Freßbuden. Nachos, Hot dogs, Chicken wings. Etwa wie auf der Oberkasseler Kirmes. Nur mit dem Unterschied, daß sich auf dem Nebenplatz des Sportgeländes rudelweise aktive Fans mit ihren footballs zu schaffen machen. Und daß sich die Volksfest-Stimmung, die hier mit Bedacht stetig gesteigert wird, weder in dumpfes Gröhlen noch in Händeleien auswächst. "Noch zwei Stunden", schreit der Einheizer auf der Fanbühne mit leichtem amerikanischen Akzent, "jetzt geht die Party richtig los".

Matthias aus Düsseldorf ist richtig stolz auf diesen Stimmungsmacher: "Der hat früher die Konzerte der ‘Toten Hosen’ angesagt." Aber während des Saisonauftaktes der ‘National Football League Europe’ annonciert die Stimme auf der Bühne Wichtigeres als Herrn Freges dumme Jungs. Unter Rheinfires bordeaux-roten Fittichen ist kein Ort zum Lallen für die Fortuna-Jusos. Aber die ‘pyromaniacs’, Cheerleading-Crew des Hauses, haben das Recht, davon beschwingt zu werden. Geschminkt und swingend wedeln sie jetzt auf der Bühne mit ihren Puscheln. 30 Mädels umfaßt die Rotte der Tanzmäuse. Kleingewachsen, langhaarig und dem gläubigen Publikum genauso keusch entrückt wie die Jungfrau Maria haben die Cheerleader zu sein. Ihre Trainerin Barbara-Jo Valentine weiß, was die süßen Claqueusen reizt: "Die erarbeitete Choreografie vor Tausenden von Fans zu präsentieren", meint die Frau eines Eishockey-Trainers. Eskortiert von Security guards werden die leichtbekleideten Cheerleaders nach ihrer ersten Show durch den Nieselregen ins Warme geleitet.

Minus 60 Minuten, der final countdown läuft. Von Block 10 hinterm Stadion bis zum Zaun vor dem Gelände steht alles dicht an dicht. Sie tanzen Discofox zu Wolfgang Petry und zu "We are the champions", alle naslang kreischt eine Sirene. Ein sechs Meter hoher Zwilling der ‘Statue of Liberty’ schaut sich das alles ungerührt an. Die kleine Freiheit hat auch die Jungs des "NFL Europe Fanclub NRW" aus Oberhausen im Blick. Natürlich: Die etwa zwei Dutzend Fans haben sich während der Heimspiele kennengelernt, und seitdem begehen sie die Party gemeinsam. In Düsseldorf sowieso. Aber auch auswärts, soweit es drin ist. Senior Heinz Backhaus geht außerdem noch bei Rot-Weiß Oberhausen ins Stadion. Darum schätzt der EDV-Spezialist den Unterschied besonders: "Bei Rheinfire gibt es nie böses Blut, vor allem aber viel mehr Spaß". Dieweil dräut über dem Stadionrasen die gespannte Ruhe. Auf der Anzeigetafel ist zu sehen, wie ein älterer Herr in unauffällig grünem Trenchcoat ein paar Mikrophonhaltern Interviews gibt.

Der Mann ist niemand Geringeres als Gott der Allmächtige in der Welt der Eierbälle. Paul Tagliabue heißt der Senior, als commissioner der US-amerikanischen National Football League jettete er dienstlich übern großen Teich. Oberhausens Fanclub-Chef Michael Hetkamp teilt die ehrfüchtige Haltung der meisten Football-Fans: "In den Staaten ist der Commissioner der wichtigste Mann nach Präsident Clinton." Auch Rheinfires PR-Department will Geltung, Macht und Einfluß des Football-Supermannes von jenseits des Atlantik richtig preisen. Denn der Manager vertritt diejenigen, die American Football hierzulande am Leben halten. Stolz wird verlautbart, daß infolge eines Mega-Mediendeals, den Tagliabue kürzlich anschob, die Profi-Football-Liga in Europa endlich eine gute Zukunft habe. Der Deal mit einem Ami-Fernsehsender sichert die Existenz der Sportart über deren Fernsehübertragung verbunden mit Unterbrecherwerbung für eine lange Zeit. Noch ist die Europaliga unterm Strich ein Zuschußgeschäft für die Geldgeber aus den Staaten, seit acht Jahren wird auf diesem Kontinent in die Markteinführung investiert.

"Aber Rheinfire ist wirtschaftlich erfolgreich", sagt deren PR- Assistent Kurt Tillmann, "wir gehen davon aus, daß wir in diesem Jahr erstmals kostendeckend arbeiten". Um 17.55 Uhr wird im Stadion richtig losgebratzt mit dem American way of emotional style. In blau-grau uniformierte Soldateska marschiert auf den Rasen. Die Jungs spannen ein riesiges Sternenbanner über den nassen Rasen, so groß, daß sich im Hintergrund der weiße Riese auf seinen nächsten Job freut. Dann knien sie da unten alle nieder, das Publikum erhebt sich, und eine Sängerin intoniert die amerikanische Nationalhymne. Zwei Sheriffdarsteller, ganz in schwarz, mit Schlagstock links und Taschenlampe rechts gehaltert, geleiten Paul Tagliabue, den Herrn der Eierbälle, nach dieser Andacht zu seiner VIP-Lounge. Am Block 7, vor der Tribünenbande, hängt die mindestens 6 Quadratmeter große Fahne der ‘Rheinfire Fans Ruhrgebiet’. Links daneben in der Kabine heizt Stadionsprecher Jan Stecker mit seinem DJ Woody den Massen ein.

Dem Düsseldorfer Stadionsprecher merkt man nicht an, daß er Kölner ist. Parteiisch kommentiert er die Spielzüge, durch zu den Tribünen gewandte Boxen am Spielfeld-Rand kriegt es jeder mit. Jingles stabilisieren die aufpepppte Stimmung. Nach dem ersten touchdown der ‘Amsterdam Admirals’ spielt DJ Woody "Ist mir egal, ist mir scheißegal". Um 23.00 Uhr tummeln sich noch etwa 400 Fans vor der Bühne vor dem Stadion. ‘Clou’, die Combo mit dem langen Atem, wird für sie noch eine Stunde spielen. Vor der versammelten Hauptstadt-Presse hat sich soeben Amsterdams Trainer Al Luginbill "extrem enttäuscht" über seine Verlierer gezeigt. Die Jungs aus Oberhausen sind schon längst wieder in Sichtweite des Gasometers. Am nächsten Samstag wechseln sie für ihr Team das Land. Sie fahren nach Bristol. Zum Spiel gegen die ‘England Monarchs’

 

 
   


   
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