| In Frieden
ruht hier keine Sau. Hunde und Katzen sind es, die hier begraben liegen.
Und es ist laut: Eingezwängt zwischen toten Bahngleisen und der
ewig tosenden Autobahn liegt der Duisburger Tierfriedhof. Hier bellt
man deutsch. "Vereinsfremden Personen ist es nicht gestattet,
das Gelände zu betreten", schnauzt ein Senior, würdig
mit Anzug angetan, der zwischen den sommerlich bunten Rabatten einherschreitet.
Aber schon bald ist der alte Mann recht zutraulich.
Schließlich lädt er sogar zur Begehung des mit zwei
Meter hohen Zäunen und Stacheldraht gesicherten Areals ein.
Der Pensionär ist wegen seiner Bambi da, die hier in Frieden
ruht. Schon 24 Jahre lang befindet sich der kleine Hund in seinem
kleinen Grab. Ein Schwämmchen und ein Eimerlein stehen auf
der steinernen Grabeinfassung. "Unter unseren toten Tieren
liegt eine Pipeline", klagt der Greis, "die verölt
uns das Gießwasser." Ein Umstand, der so gar nicht zum
pittoresken Oberflächeneindruck passen will. Denn auf fast
allen der mehr als 200 Grabstätten ist frischer Blumenschmuck
zu sehen. Grabsteine aus edlen Mineralien krönen die gepflegten
kleinkindergroßen Gräber.
Ein Triptychon von weißem Marmor gibt Auskunft über
die drei Hundeleben der Familie Pinzler. Seite an Seite liegen hier
Bobby (1975-1988), Teddylein (1948-1963) und Möhrchen (1963-1976).
"Die Liegenschaft wurde unserem Friedhofsverein schon 1963
von der Kommune zur Verfügung gestellt", erläutert
die Frau des Vereinsvorsitzenden. Die Dame hat auf Duisburgs Kleintier-
Friedhof ihren Pudel zu Grabe getragen, 14 Jahre und zwei Monate
alt ist "unser kleiner Sonnenschein" geworden.
Kaisoon, der große Hengst, hat drei Kilometer weiter nördlich
sein Momument. Im Zoologischen Garten errichtete man ihm, der 400
Nachkommen zeugte, ein Ehrenmal. Aber die Reste des Promi- Gaules
wurden nicht verscharrt. "Unsere Großkadaver, Pferde
oder Elefanten etwa, gehen grundsätzlich zum Abdecker",
teilt man aus dem Sekretariat des Zoodirektors mit. Es sei denn,
es handelt sich um "große Raritäten". Die raren
Viecher werden "zunächst tiefgefroren, dann abgezogen
und präpariert". Häufig wird das frische Fleisch
der toten Tiere auch an ihre lebenden Artgenossen verfüttert.
Vorausgesetzt, der Tierarzt gibt dazu sein Einverständnis.
Und manchmal, wenn "ein Hirsch von gutem Fleisch wegen einer
Forkelei ums Leben kommt, kann das durchaus an den Feinkost-Händler
verkauft werden."
Aber in der Regel unterliegen Tierkadaver der Gefahrstoffverordnung.
"Zumindest dann, wenn die Gefahr besteht, daß ekelerregende
Flüssigkeiten austreten", erklärt der Regierungspräsident
in Düsseldorf - jene Behörde, die die organisierte "Entsorgungssicherheit
im Rahmen des Tierkörper-Beseitigungsplans" kontrolliert.
Die Prozedur der Kadaverliquidierung bezieht sich hauptsächlich
auf Schlachtabfälle. Immerhin werden hierzulande gegenwärtig
jährlich mehr als 36 Millionen Schweine, fünf Millionen
Rinder und mehr als 300.000 Tonnen Geflügel abgeschlachtet.
"Hierbei fallen mehr als 1,3 Millionen Tonnen schlachtfrische
Knochen, Fleischteile und andere Schlachtnebenprodukte an, die für
die menschliche Ernährung nicht verwendet werden", freut
sich der Bundesverband der Fleischmehlindustrie.
Das animalische Leichenteil- Recycling ist für die Zunft der
Abdecker das täglich Brot. Dagegen sind die wenigen verblichenen
Haustiere und das, was Polizei und Ordnungsamt bisweilen von der
Straße kratzen, im Vergleich zum Schlachtabfall nur Kleinvieh.
Die Überreste werden von den Tierärzten oder den Kommunen
- wie etwa im Tierleichen-Kühlraum der Stadt Düsseldorf
- zentral gesammelt. Bis der Abdecker damit abdackelt. Damit die
Haustierfreunde den schweren Gang zum Kühlraum nicht selbst
antreten müssen, gibt es in Düsseldorf sogar ein Tiertaxi.
Der Tierchauffeur Helmut Fischer fährt die toten Tiere zum
üblichen Taxitarif den letzten Weg entlang.
Den Arbeitsgang des toten Fleisches in den Abdeckereien zu rekonstruieren,
gestaltet sich dagegen äußerst dornenreich. Der schlichte
Grund: "Die wollen das nicht", meint Frau Henneweer, ein
Vorstandsmitglied des Essener Katzenschutzbundes. Nicht nur vor
ambitionierten Tierfreundinnen verschließen die Tierkörperverwertungsanstalten
ihre Tore. "Wir sind froh, wenn man so wenig wie möglich
von uns sieht oder hört", bekannt man ehrlich bei der
Oberhausener Firma Koch. "Die Anwohner nutzen jede Gelegenheit,
sich überall zu beschweren." Beispielsweise über
Geruchsbelästigungen. Selbst unabhängig von dem Gestankbedenken
ist der Verband Fleischmehlindustrie e.V. nicht daran interessiert,
daß durch Einblicke in den Produktionsprozeß "auf
die ethische Tränendrüse gedrückt wird", wie
dessen Geschäftsführer Niemann in Bonn es formuliert.
Denn Bilder von den Abdecker-Innereien seien "nicht immer
angenehm". Deswegen ist bei den Unternehmen "das Fotografieren
unerwünscht". Statt dessen verschicken die Interessenvertreter
des deutschen Abdeckergewerbes "als Kompromiß" blitzschnell
ein Werbevideo. Der schlechte Streifen zeigt geschönte Bilder.
Dazu doziert ein Sprecher aus dem Off: "Die Schneckenwelle
ist von einem massiven Seierkorb umgeben. Das abgepresste Fett fällt
durch die einzelnen Seierstäbe aus, tropft in die Fett-Sammelwanne
und wird mittels der Fett-Austragungsschnecken weiterbefördert."
150.000 Tonnen Tierfett jährlich werden derart abgeseit. Außerdem
fallen mehr als 400.000 Tonnen Tiermehl dabei ab. Damit dieses Werk
gelingt, tritt "der Preßkuchen über einen verstellbaren
Spaltaustritt aus. Grobe Verunreinigungen werden im Trubabscheider
ausgesiebt." 150 000 Tonnen Tierfett werden jährlich derart
abgeseiht. Außerdem fallen 200 000 Tonnen Fleischmehl, 200
000 Tonnen Fleischknochenmehl und 13000 Tonnen Blutmehl ab. Charlie,
Ramona, Odea oder Daggy ist der Trubabscheider erspart geblieben.
Diese Kadaver sind auf dem Bochumer Tierfriedhof bestattet. Baffy
auch, die Cockerspaniel-Hündin liegt seit 1990 dort. Ihr Ex-Herrchen,
der Dortmunder Mineralöl- Großhändler Josef Östreich,
ist immer noch mächtig stolz auf sein geliebtes Tierchen. "Die
Baffy wurde gebadet, geputzt, gepudert wie ein Mensch", erinnert
er sich mit Wonne. "Und", flüstert der Mann geheimnisvoll,
"die wurde viermal pro Tag befriedigt, zehn Jahre lang, meine
Frau hat das gemacht, das gibt's nicht wieder." Während
am Samstagnachmittag die erste Frühlingssonne Wärme spendet,
versammeln sich die Grabbesitzer am Ernestineweg zum monatlichen
Verschönern der Gräber ihrer Herzileins.
Ein aus Stein gehauener Brunnen in Tiergestalt säumt den Hauptweg.
Drei Sitzbänke, an weitetere Wege gesetzt, laden zum Verweilen
ein. Einige Vogelhäuschen haben die Tierfreunde im Winter an
die Bäume genagelt. Denn "der Tierfriedhof dient auch
der Arterhaltung einheimischer Kleintiere", legt die Satzung
fest. Trotzdem seufzt Anke Schölzel: "Die Kaninchen fressen
uns immer die Blumen weg." Nur die niedlichen Karnickel auf
dem Farbposter in der Friedhofshütte sind ungefährlich.
Ähnlich possierlich war wohl auch Frau Grübers Katze.
Jetzt ist Pinkie tot, sie verstarb nach langer schwerer Krankheit.
Eine Diabetes und eine Lungenentzündung haben sie dahingerafft.
Selbst eine Herzmassage durch die Tierärztin hat dem zwölf
Jahre alten Tier nicht mehr helfen können.
Folglich steht Herr Lauer mit Hacke und Spaten bereit. Der Bestatter
wickelt die etwa zehn Beerdigungen ab, die monatlich in Bochum anfallen.
Nach dem an der Pforte zu besichtigenden Mustergrab, erhältlich
für 140 Mark im Jahr, hat der Friedhofsgärtner ein 70
Zentimeter tiefes Loch ausgehoben. Die Gebührenordnung bestimmt:
"Zwei Jahre Mindestliegedauer." Kauft man nach deren Ablauf
nicht weitere Liegejahre dazu - die meisten Menschen tun das -,
dann legt Herr Lauer die "noch nicht ganz verwesten Kadaver
einfach tiefer", sagt er profan. Des Bestatters schwerster
Brocken war ein Neufundländer. "Den mußten wir mit
vier Mann auf einer Bahre hier reintragen". Doch Frau Grüber
interessiert das sicher nicht. Sie hält Pinkie, in eine rosa
Decke geschlungen, senkt sie sanft ins Grab und fängt an zu
weinen.
Geschwind schwingt der Bestatter die Schaufel, das Grab ist bald
geschlossen. "Können wir jetzt den Schriftkram machen?"
fragt er pietätlos den Sohn der alten Dame. "Ich kann
Ihre Trauer nachvollziehen", kondoliert eine junge Frau; sie
pflegt das Nachbargrab, der Trauernden, "unsere Mieze starb
durch Schlaganfall, mit 15 Jahren." Einmal die Woche kommt
sie von Wuppertal zu ihrer Mieze Grab, ihren Anorak ziert ein Kunstfellkragen.
"Wer einmal mit Tieren zusammengelebt hat, der wird nicht bestreiten
können, daß Tiere beseelte Lebewesen sind", spricht
Eberhard Röhring. Der Mann ist evangelischer Pfarrer und der
Tierbeauftragte der rheinischen Landeskirche.
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